Seit Mittwoch bin ich Strohwitwe. Es gibt Zeiten, da macht mir das nichts aus, da kann ich mich gut drauf einstellen und wir haben leicht miteinander. Dann gibt es andere Tage, da bin ich nicht so gut beeinander. Dann ist auch das Miteinander etwas schwieriger. Von dieser Sorte war das Wochenende. Irgendwie ruhelos.

Samstag

Der Sterngucker hat eine Idee nach der anderen und versucht sie hartnäckig umzusetzen. Sei es, das Feuer, was er liebevoll im Rasen aufgebaut hat und unbedingt anzünden möchte oder sein Drang, den großen Jungs hinterherzuradeln. Wie ungerecht er es findet, daß er nicht alleine auf der Strasse durch die Siedlung fahren kann. Und überhaupt, jetzt möchte er Gnocchi essen und Schokolade gleich noch als Nachspeise. 10:30 Uhr oder so. Ich merke, wie ich zunehmend unentspannt werde. Jetzt schon. Vielleicht sitzt mir auch noch die vergangene Nacht im Nacken. Viel zu spät bin ich ins Bett gekommen. Habe die Tochter abgeholt, die bei einem Freund und noch in der Dunkelheit draussen unterwegs war. Wenn die Kinder klein sind, schlägt man sich die Nächte um die Ohren, weil sie weinen. Wenn sie groß sind, lauscht man, wann sie zurück sind (oder man sie abholen kann, in diesem Fall).

Mittagessen aus der Tüte

Zum Mittagessen mache ich Kartoffelbrei aus der Tüte, dazu Saure Gurken aus dem Glas. Ich habe keine Lust zu kochen. Entsprechend schmeckt das Essen. Es nährt mich nicht. Die Kinder spielen abwechselnd im Garten oder auf dem Spielplatz. Zeitweise ist es angenehm ruhig im Haus, dann wieder schlagartig emsiges Gewusel und lautes Gestreite. Ich fahre die Tochter zu ihrer Freundin. Wir kaufen noch kurz Blumen ein. Als wir zurück kommen, warten die Jungs auf den Eiswagen, der vielleicht kommt. Währenddessen streiten sie sich um das Geld. Ich glaube nicht mehr dran, daß der Eiswagen kommt. In ruhigen Minuten liege ich in der Hängematte und lese. Die ruhigen Minuten werden immer wieder unterbrochen. Der Wolf kommt mit einer dicken Beule. Er ist beim Spielen gegen ein Verkehrsschild gerannt.

Immer wieder Auto fahren

Endlich. Die erlösende Eiswagenmelodie. Die Kinder stürmen zum Auto des freundlichen Italieners, der hier im Sommer seine Runden über die Dörfer dreht und Eis verkauft. Ich werkele ein bisschen im Garten, rupfe Unkraut und freue mich, daß es den ein- und umgesetzten Pflanzen so gut geht. Nach einem kleinen Zusammenbruch, beschliesst der Sterngucker ins Bett zu gehen. 17 Uhr legt er sich hin und schläft eine Stunde. Dann kommt er wieder runter, isst etwas zu Abend und lässt sich wieder ins Bett bringen. Ich richte dem Wolf einen Abendbrotteller und fahre die Tochter bei ihrer Freundin abholen. Wie ich dieses Rumgefahre leid bin. Einen Bus oder Radwege in die nächste Stadt gibt es nicht. Also wird das wohl noch eine Weile so bleiben. Ich denke das erste mal darüber nach, die Tochter den Moped-Führerschein machen zu lassen.

Wieder zurück, bringe ich den Wolf ins Bett, lasse mir eine Badewanne ein und lese mein Buch zu Ende.

Sonntag

Niemand bereitet das reiche Frühstück mit Obstmandalatellern. Oder deckt auch nur den Tisch. Keiner geht zum Bäcker (wir haben keinen) und holt duftende Brötchen. Es brüht auch keiner Tee auf. Der Sterngucker möchte Pfannkuchen (was sonst) zum Frühstück. Da wir eh nix aufs Brot haben, mach ich halt Pfannkuchen. Der Wolf rümpft die Nase. Schon wieder Pfannkuchen. Isst sie dann aber trotzdem. Mit ganz viel Puderzucker. Ich trinke meinen Tee. Um mich herum beginnen die Jungs mit dem gleichen Lärm und Gewusel des Vortages. So möchte ich meinen Tag nicht starten. Ich seufze und schreibe ein bisschen Frühlingspost.

Verspannung und Anspannung

Ich bin verspannt. Meine Schultern und mein Rücken tun weh. ich war schon tagelang nicht beim Sport. Die Tochter leiht mir ihre Blackroll, die sie zum Geburtstag von einem Freund bekommen hat. Ich könnte eine gute Massage gebrauchen, merke meine innere Unruhe und Angespanntheit. Ich habe Ideen, ich möchte Dinge tun, aber mir fehlt die Ruhe und Kraft, etwas zu beginnen. Ich versuche zu lesen, höre mich aber immer wieder mit den Kindern wettern. Tut dies nicht, lasst jenes. Geht dahin, aber dorthin nicht. Was ist los mit mir? Woher kommt diese innere Unruhe? Ist es die Unruhe von den Kindern, die sich auf mich überträgt? Oder ist es mein Zustand, der die Kinder beeinflusst? Ich bin nicht in Kontakt, ich plärre leere Anweisungen über die Wiese. Ich bin genervt. Von den Kindern, mehr noch von mir selbst. Irgendein kleines Detail ist es, ich fange an zu weinen. Ich fühle mich überfordert und hilflos.

Atmen

Die Jungs ziehen sich für eine Weile mit den Kaplas ins Kinderzimmer zurück. Ich atme durch und geniesse die Stille. Dann koche ich mir eine Suppe. Die Kinder würden eh Gnocchi mit Ketchup essen. Also kann ich mir auch Mangold mit Bohnen aus dem Buch „Vegan oriental“ machen. Ich esse meine Suppe. Ganz langsam, Löffel für Löffel. Ich lese nicht nebenbei, ich schreibe nicht nebenbei, ich browse kein Instagram. ich esse einfach nur meine Suppe. Allein und ganz in Ruhe. Es geht mir besser.

Ich überlege, wie ich aus dieser Schleife raus komme. Mir fallen „ab in den Wald mit allen“ Sprüche ein, die oft als gute Ratschläge aus dem Internet kommen. Ich habe keine Lust mit den Kindern in den Wald zu gehen. Ich bin Pettersson mit schlechter Laune.

Was geht in mir vor, wie komme ich da wieder raus? Was brauche ich gerade? Wie kann ich es bekommen? Ich möchte für mich sein. Mir fällt der Spruch aus der Meditation von neulich wieder ein. „Me time is with us all the time. It’s within us.“ Ich überlege, wie ich dort hin komme.

Überforderung und Selbstregulation

Die Tochter ist gereizt, weil sie sich die Ferienplanung anders vorgestellt hat und ihr jetzt bewusst wird, welche Tragweite die Entscheidungen, die wir getroffen haben, für sie hat. Sie hat bald Prüfungen und noch viel zu tun. Sie fühlt sich gelähmt davon. Wir versuchen das Thema zu entstressen, in dem wir eine To-Do-Liste für die anstehenden Aufgaben schreiben. Viel „Keine Ahnung“. Viel „Ich muss“.

Die Tochter hat ein gutes Gespür für sich selbst. Sie braucht Bewegung und Frischluft. Selbstregulation. Weg vom Stress. Entschleunigen. Sie fragt, ob ich mit ihr spazieren gehe. Ich habe Widerstand. Kann die Jungs doch nicht alleine lassen und überhaupt. Ich denke an die guten Wald-Ratschläge und muss schmunzeln. Na los. Der Sterngucker möchte Fahrrad fahren. Was sonst. Ok, gehen wir spazieren. Wir drei. Natürlich tuts gut. Einfach zu gehen. Den Duft des sonnenwarmen Waldbodes zu riechen. Das Schwirren und Krabbeln und Summen im Wald. Die feinen Blüten, die emsigen Waldameisen. Ich bin froh um die Tochter.

Zurück daheim. Der Sterngucker spielt mit dem Nachbarsjungen, der Wolf ist eh in der Siedlung unterwegs. Die Tochter ist weiter in den Wald gegangen. Ich habe Zeit für mich. Zum Atmen. Zum Zeichnen. Ich vergesse die Zeit. Ich bin. Es geht mir besser. Ich geniesse die Stille, ich irgnoriere das Chaos um mich herum. Bald ist der Tag vorüber. Das Wochenende. Ich esse die Reste meiner Suppe. Dann muss ich nachher nicht hungrig Abendessen für alle machen. Dann plane ich meine nächste Woche. Sie beginnt mit einem Frühstücksdate mit dem Mann.

Ich bereite Abendessen für die Kinder. Es gibt Pizzaschnecken und Rohkost-Gemüse zum Knabbern. Dann räumen wir langsam auf. Der Mann kommt. Wir staunen, daß auf der Wiese im Garten 8 Spatzen und ein Rotschwanz Abendessen suchen. Es ist Zeit, die Kinder ins Bett zu bringen. Ich bin sehr erschöpft von dem Wochenende, deshalb gehe ich heut früh ins Bett.

14 thoughts on “Wochenende :: ruhelos

  1. Danke, dass du hier einen Einblick in deine Stimmungen und deine so reflektierten Gedanken gibst! Ich kenne diesen Zustand der inneren Angespanntheit gerade am Wochenende auch sehr gut und viel zu oft komme ich nicht daraus und stehe mir selbst mit meinen Erwartungen im Weg. Meine beiden Kinder sind noch kleiner aber ich hoffe, dass ich es bald wieder lerne, meinen Bedürfnissen mehr Raum zu geben.

  2. Danke für den Einblick in deine Gedanken. Mir steht auch bald eine Strohwitwenwoche bevor, an die ich mit gemischten Gefühlen denke. Mal sehen wie es wird.
    LG, Micha

  3. liebe ramona, kannst du mir bitte mal den spruch übersetzen? – danke für die ehrlichen einblicke. mich machen wochenende auch oft ruhelos, weil mir die struktur des alltags fehlt, wo ich auch täglich einen grossen packen alleinzeit habe. am wochenende habe ich oft das gefühl von zu vielen ansprüchen. hauptsächlich eigenen ;-)
    zum glück sind bei mir alle gross und ich habe einen hund, der rausgehen muss. da kann ich mich oft mal davon stehlen. aber während ich dies schreibe, merke ich schon an der wortwahl, dass da vieles noch ein bisschen reflektiert gehört. danke für den anstoss.!

  4. Och, wie tut das gut, solche Zeilen zu lesen. Klar möchte man ein anderes weichgezeichnetes Bild des eigenen Lebens weitergeben. Aber eben, solche Phasen gehören dazu. Auch bei mir klebt manchmal der Leim an den Sohlen, die Stimme ist zu laut und ich mag nirgendwo beginnen. Ob die Kinder das zuerst hatten, diese Unruhe oder ich, sei dahingestellt. Es wird dann einfach mühsam für beide Seiten.
    Better days are coming and better ideas, wie die von deiner Tochter.
    Danke für den Einblick in dein unruhiges Wochenende!
    Silvia

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