_Alltag

Donnerstag – wertvolle Körperarbeit

Die letzten beiden Tage habe ich viel zu tun gehabt. Ich habe eine lange Liste an Kundenaufträgen abgearbeitet. Da war ich voll in meinem Element. Dem Tun. Wertvoll sein über das Tun. Dieses Thema treibt mich um. Schon eine ganze Weile. Warum ist es in unserer Gesellschaft so wichtig, seinen Wert über das Tun und nicht über das Sein zu definieren? Und warum ist es so schwer, sich davon zu lösen? Bin ich hier und bin einfach nur, dann habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich habe Angst auszufallen, nicht wertvoll zu sein, nicht leisten zu können. Ich fühle mich faul, obwohl ich genau weiss, dass ich meine Batterien aufladen, meine Schalen füllen muss. Es ist spannend, wie lange es braucht, so alte Spuren neu zu gehen.

Ein paar Hinweise zu diesem Weg vom Tun hin zum Sein tauchen auch immer wieder in den Büchern auf, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Das sind nur ein paar meiner wirren Fäden aus dem Wollknäuel in mir.

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Zum Mittag gibt es heute Kartoffelsuppe und Tofuwürstchen. Wir haben Anfang der Woche einen Speiseplan erstellt. Es ist so entlastend, sich nun einfach am Plan entlangzuhangeln und vielleicht nur hier und da eine Anpassung zu machen.

Am Nachmittag war ich mit dem Mann spazieren. Das war ein netter kleiner Frühlingsspaziergang durch die Siedlung. Der Schnee ist noch immer nicht vollständig weggetaut, darunter kommen die welken Reste des Herbstes zum Vorschein. Hier und da blühen bereits Frühblüher und doch nimmt sich die Natur die Zeit, die sie braucht.

Wie uns das Leben zeichnet

Gestern abend war ich wieder beim Sensory Awareness Kurs. Es rüttelt mich gerade jedesmal einmal durch, aber der Effekt, den der Kurs auf mich hat ist so spürbar, dass es gerade mein Anker ist. Über die Körperarbeit kann ich die Spannungen und unbekannten Fragen in mir lösen. Unser Körper speichert alle Erfahrungen, die uns im Leben begegnen. Gestern also hatte ich also das Gefühl, dass ich dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde, nicht ausgesetzt bin. Ich hab dem etwas entgegenzubringen. Das hat sich gut angefühlt. Sehr mitmächtig* und stark.

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Am Montag wird die Tochter siebzehn. Das ist ganz schön verrückt, dass schon so viele Jahre seit ihrer Geburt vergangen sind. Und was alles in den Jahren passiert ist in unserem Leben. Mehrere Umzüge und Schulwechsel, eine Trennung, eine Hochzeit, viele Geschwister, Sorgen und Freude, Stolz, Lachen, Tränen, Streit und Harmonie. Dieses Muttersein ist sehr aufregend und lebendig.

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Ich lese gereade sehr interessiert in dem Buch „Auch alte Wunden können heilen“ über Bindung und Entwicklung in unserer Kindheit, und wie unsere Kindheit unser erwachsenes Leben beeinflusst. Das zeigt sich darin, wie wir Beziehungen führen und durch die Welt gehen. Während der Lektüre ergeben sich immer wieder interessante Gespräche mit dem Mann und Aha-Erlebnisse zu der ein oder anderen Spur in unserer Beziehung und im Verhalten unserer Kinder.

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*Mitmacht ist ein Wort, dass mir mal in einem Seelenzentrierten Coaching bei Jana zugefallen ist. Da ging es um Ohnmacht. Der Umkehrschluss war mit Macht – Mitmacht, statt ohne Macht – Ohnmacht. Seit dem verwende ich den Begriff gern, und es gesellen sich auch immer wieder neue Facetten hinzu. Wie zum Beispiel im letzten Frauencamp die Mitt-Macht. Die Macht aus der Mitte. Mit(t)macht ist aber auch das nicht Alleinsein. Das Gott-ist-mit-mir und in meiner Mitte. Mitmacht ist mal einen ganz eigenen Blogpost wert :)

 


Wie beim Frisör das Sparschwein oder bei StrassenkünstlerInnen der Hut, steht hier im Blog eine virtuelle Teekasse. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder Farben und Papier.

5 Kommentare

  • frau siebensachen

    danke für die einblicke in dein wollknäuel. <3

    so gedanken über wert durch tätigsein/schaffenskraft kenne ich auch. das gefühl etwas leisten zu müssen um geliebt zu werden. dem bin ich grade auf der spur und weiß schon wo es herkommt… ;-)

    daneben ist mir aber auch ganz wichtig, daß ich mich im tätigsein einfach unglaublich wohl fühle. dieser kreierende flow, egal ob haushälterisch, künstlerisch oder handwerklich hat eine fantastische energie. das ist halt eine essenz meines seins, glaub ich. und solange ich im schaffen nicht in stress gerate, sondern auch mal fünfe grade sein lassen kann und mich zb ins lesen versenken oder einfach nur rumdösen kann, finde ich es gut so. die balance ist wichtig, und ja, natürlich das gefühl darin, ob ich es genießen kann oder unter druck stehe.

    die gedanken zu ohn- und mit-macht sind sehr interessant. ich mag ja eh so sprachdinge, wortspiele, genau auf die bedeutung zu schauen etc.. ich freu mich wenn du dazu mal was schreibst.
    herzliche grüße!

  • Ines Düe

    Liebe Ramona ,
    wie wertvoll Dein so ehrlicher Eintrag gerade wieder für mich ist,wow…Dankeschön!!!
    Dieses Thema ist auch meines;-).
    Dazu gelesen habe ich mal:Es heisst nicht ohne Grund „Human BEING“, wäre es anders gemeint gewesen hiessen wir wohl“Human DOING“;-).
    Ich freue mich auf einen weiteren Eintrag von Dir,besonders zum Thema Mitmacht!!!
    LG Ines D.

  • Jeannette

    Liebe Ramona,
    so viele ge-wichtige, mich berührende Themen hast du da in der letzten Zeit aufgeworfen, ich schaffe es gar nicht mehr, dem hinterher und nach zu denken. Ich wollte dir schon manches Mal den ein oder anderen Gedanken dalassen, aber ich war immer zu langsam.

    Aber jetzt: Sein statt Tun.
    Das beschäftigt mich auch gerade sehr …
    Ich versuche mich darin zu üben, also im erwartungslosen, hingegebenen Sein.
    Und muss zugeben, dass ich mich darin irgendwie einsam fühle. Sein will auch gesehen werden, zumindest mein Sein. Und ist es nicht etwas zutiefst Menschliches, also dieses Bedürfnis nach Gesehenwerden? Ich weiß nicht, ob man es irgendwie und irgendwann schaffen kann, sich selbst in einer Weise zusehen, dass man den Blick des anderen nicht braucht, keine Ahnung, es kommt mir irgendwie übermenschlich vor.
    Im Tun bin ich sichtbarer für andere, erhängt mehr Resonanz. Um mich allein mit der Resonanz zu begnügen, die die Natur und Gott für mich bereithalten, müsste ich in eine Heilige werden, glaube ich.
    Im Tun werde ich auch mir selber sichtbarer, indem ich tätig mit etwas umgehe, erhalte ich Rückmeldungen, kleine Spiegel, in denen ich mich selbst sehen und mich meiner versichern kann.
    oder so ähnlich. Ich denke weiter darauf herum.

    Das war also eine gebrochene Lanze für das Tun, so lange es kein Leistenmüssen ist.
    Vielleicht auch nur eine Ausflucht, weil das mit dem Sein so schwer ist …
    Ich lass das trotzdem mal da.
    Herzlicher Gruß von Jeannette

  • andrea

    was für inspirierende gedanken sich hier zusammen finden, sowohl im text als auch in den kommentaren. dieses ‚gesehen werden‘ als urmenschliches bedürfnis hatten wir erst diese woche im interpersonellen achtsamkeitskurs. es war sozusagen überlebensnotwendig, damals, vor urzeiten. und ich glaube, dass es auch heute zu einem guten, lebendigen sein dazugehört, dass man gespiegelt wird. ‚der mensch wird am du zum ich‘ heisst es bei martin buber…und gerade als baby / kleinkind/ kind versucht man deshalb instinktiv alles, um gesehen, gehört und genährt zu werden. gibt es an dieser stelle defizite, dann wird das tun dafür möglicherweise zweckentfremdet und es schleichen sich ungute muster ein. und genau das sollten wir im kurs erforschen. das war sehr erhellend und ging ganz schön tief…liebe grüsse und alles gute, andrea

  • frau siebensachen

    ach andrea, danke daß du an buber erinnerst! naklar brauchen wir das „du“, wofür hätten wir sonst spiegelneuronen? wesentlich finde ich die unterscheidung zwischen tun und leistung, und dann vor allem mein gefühl im tun, wie es mir darin geht.

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