_Alltag

Gewitter, innen wie aussen – Gedankenschnipsel

Gestern bin ich echt spät ins Bett gekommen. Noch ziemlich lange sass ich an den letzten Kursvorbereitungen. Ich bin bei Kursen immer auf den letzten Drücker, weil mir hier und dort noch was einfällt, weil ich mich um so ziemlich alles selber kümmere (ausser die Filme, die filmt und schneidet der Mann) und das mit allen Kinder daheim dann doch unberechenbarer ist. Entsprechend zerknautscht war ich heute morgen. Ich habe aufgehört die Wochen zu zählen, die wir schon daheim verbringen. Andere Bloggerinnen führen regelmässig Tagebuch. Die sind schon bei Tag 57.

Budenkoller und Arbeit am Vormittag

Heute morgen war nicht nur ich knautschig, sondern auch die Kinder hatten einen Budenkoller. Dem einen schlägt die Aussicht, dass nächste Woche wieder Schule für ihn beginnt auf’s Gemüt. Man kann förmlich zusehen, wie der innere Stresspegel allein durch diese Vorstellung steigt. Dem anderen war schlichtweg fad. Auf Hausaufgaben hatten beide keine Lust, obwohl ich bereits heut morgen wieder den Drucker um zwei Stapel Arbeitsblätter bemüht habe.

Weil ich aber einen klaren Plan hatte, was unbedingt heut noch passieren musste, habe ich den Vormittag ziemlich produktiv und diszipliniert arbeitend verbracht. Ich habe meinen Newsletter verschickt und den Onlinekurs an den Start gebracht. Da war noch einiges an Technikkram im Hintergrund zu erledigen, vorallem weil heute am Starttag noch neun weitere Kursanmeldungen hatte. Ich bin die ganze Zeit ganz begeistert, dass so viele Lust haben, mit mir Schriftenteppiche zu schreiben! Neben meiner Müdigkeit bin ich also richtig beschwingt und freudig im Herzen.

Pause

Nach dem Mittagessen war dann die Luft raus. Ich führte noch ein kurzes Telefonat, dann hab ich mich für eine halbe Stunde ins Bett gelegt. Später, beim Nachmittagssnack sass ich mit dem Mann kurz auf der Terrasse in der Sonne und erzählte ihm von meinem Tag. Von allem, was sich gut anfühlt und von allem, was ich eigentlich noch zu tun hätte. Er meinte, dass ich doch eigentlich heut morgen so viel geschafft habe, dass ich mich jetzt zurücklehnen kann und nichts mehr tun müsste. Diesen inneren Schalter konnte ich dann trotz meiner langen Liste auch umlegen (das erste Foto von der Ablage neben meinem Schreibtisch gibt eine kleine Ahnung davon – also der Liste).

Der Mann und der Sterngucker sind zum Einkaufen gefahren, der Wolf durfte an meinem Rechner zocken, und ich hab mich um mich selbst gekümmert. Das war bitter nötig, denn durch die Müdigkeit und den Stress in mir drin und eine Geschichte, die mich schon seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen beschäftigt (die aber nichts unmittelbar damit zu tun hat, sondern nur zeitgleich passiert ist), war ich innerlich sehr unruhig und aufgewühlt. Ich zappte durch die Social Media Kanäle, las in Bücher rein und suchte Zerstreuung. In Wirklichkeit war das aber nur Ablenkung von meinem inneren Tumult, vor dem Gewitter, was sich nicht nur draussen in der Luft zusammenbraute, sondern auch in mir. Ich musste still werden. Meine leisen inneren Stimmen hören, Gottes Flüstern lauschen.

Still werden im Auge des Sturms

Ich hab mir dann einen kleinen Still-Werd-Ort auf meiner Büroterrasse eingerichtet und mich dort hingesetzt und nichts getan. Die Blumen angeschaut, mein Sitzen erspürt, meinem Atem gelauscht und gebetet. Und tatsächlich bin ich ruhig geworden, der Sturm hat sich gelegt. Mit dem Gewitter draussen hat sich auch mein Inneres geklärt. Noch nicht grundsätzlich, aber für heute vorerst gut.

In meinem Anselm Grün Osterfreuden Buch gab es heut morgen schöne Impulse für schwierige Situationen. Da ging es zum einen um bewusstes Tun und Verantwortung („Bewusstes Tun verlangt eine Entscheidung. Ich entscheide mich für das, was ich tue. Und ich übernehme die Verantwortung dafür. ich bin dann auch verantwortlich für die Stimmung, mit der ich an die Aufgabe herangehe.“). Zum anderem aber auch um das Vertrauen, dass der Herr auch am Ufer meines Lebens steht, wenn ich erfolglos bin oder es schwierig ist. („Du erkennst, dass am Ufer deines Lebens der Herr steht, der aus einer anderen Welt in dein Leben tritt, um es zu verwandeln.“)

Das ist heut irgendwie beim Lesen in mein Herz gesunken. Und mein Teebeutelspruch, der da ergänzte: „Der jetzige Moment ist die beste Gelegenheit.“ Ich weiss nicht, ob ich die Gelegenheit genutzt habe.

Thoreaus Freundschaftsideal

Abends im Bett lese ich oft noch vorm Einschlafen. Momentan habe ich mich auf kein Buch festgelegt, sondern es liegt ein Stapel von mindestens sechs Büchern auf meinem Nachtkastl. Eines davon ist Walden von Thoreau, ein Geschenk einer Blogleserin. Darin lese ich nun und fühle mich Herrn Thoreau schon auf Seite 27 sehr verbunden. Dabei ist das erst der Vorspann. Wilhelm Nobbe schreibt über Thoreau, dass er sich sein Leben lang nach Freundschaft sehnte. In seinen Tagebüchern weisen zahlreiche Stellen darauf hin. Zwar wird er von vielen Menschen eingeladen und verbringt Zeit mit ihnen, aber sie behandeln ihn, dass er sich „Tausend Meilen weit fort“ fühlt. Er „grämt sich, verhungert in ihrer Nähe“. Ist das nicht eine schöne Beschreibung dessen, was manchmal in Freundschaften passiert? Das nicht zueinander finden? Er schreibt selbst, dass er ein Freundschaftsideal hat, hohe Anforderungen an die Menschheit stellt und regelmässig enttäuscht wird. Er fragt sich, ob es sein Fehler ist. Ob er zu Großmut und Selbstlosigkeit unfähig ist.

„So ungefähr würde ich als Freund zum Freunde sprechen: Nie erbat ich deine Erlaubnis, dich lieben zu dürfen. Ich besitze das Recht dazu. Ich hebe dich nicht als etwas Individuelles, das dir selbst gehört, sondern als etwas Universelles, Liebenswertes, das ich entdeckt habe. O, was für Gedanken ich über dich hege! Du bist wahrhaft lauter, du bist unendlich gut. Dir kann ich vertrauen in alle Ewigkeit. Ich wusste nicht, dass des Menschen Seele so reich sei.“ Thoreau

Ich habe mir Zeilen unterstrichen und markiert, an den Rand dieser Seite habe ich geschrieben: „Diese Sehnsucht kenne ich“. Ich glaube, ich habe seit meiner Jugend auch so ein Freundschaftsideal in mir drin. Ich habe das Thema neulich schon ausführlich mit der Therapeutin angeschaut (weshalb es auch noch so präsent ist und mich beschäftigt). Wie sehr hat diese Sehnsucht auch etwas mit mir selbst zu tun? Wie sehr darf ich mich fragen: Kann ich mir selbst eine Freundin sein?

Ich schweife ab. Aber so passiert das in meinem Kopf. Da lese ich hier was und dort fällt mir was ein. Da ein Gedanke, dort ein Bild und schwupp ist die Denkmaschine losgetreten, das Puzzle setzt sich zusammen. Ich habe heute ein zwei Sätze aufgeschrieben. Von einem Traum, den ich hatte. Dann war wieder gut. Bis zum nächsten Gewitter. Innen wie aussen.

Gesehen: die Tochter, schöne Arbeiten anderer Kalligrafinnen im Internet
Gespielt: eine Runde Dart mit dem Wolf
Gestaltet: eine Skizze im Moleskine
Gelernt: Russisch mit Duolingo, im Auge des Sturms ist es wirklich still
Bewegt: leider gar nicht
Vorgelesen: nichts
Gelesen/ gehört: Die Osterfreude auskosten, Andere Zeiten Magazin


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Ein Kommentar

  • andrea

    da habt ihr feine worte gefunden, du und der herr thoreau. das mit der ewigen sehnsucht nach innigster freundschaft und gesehen werden kenne ich so gut. ich hab den eindruck. die coronazeit mit ihrer besonderen qualität geht da nochmal richtig ans eingemachte. was ich hier trauere und weine geht echt auf keine kuhhaut (würde mein papa jetzt sagen ;))

    achja, dein schriftenteppichkurs ist wunderbar. ich bin ganz erstaunt, wie selbst ich mit meinem zeichnerischen unvermögen mich hier ausdrücken kann.
    und endlich händisch die worte in bilder kleiden. so so schön.

    danke. wie immer. für alles.

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