gelesen :: Auch alte Wunden können heilen

gelesen :: Auch alte Wunden können heilen

Auf Empfehlung einer lieben Blogleserin und Entdeckung bei Sonja hat dieses Buch in meinen Lesestapel gefunden. Ich habe es im vergangenen Monat mit großem Interesse gelesen und viele Aha-Momente gehabt.

Alte Wunden heilen

Auch alte Wunden können heilen, Wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir uns davon lösen können, Dami Charf, Kösel* (Buch7)

Im ersten Teil des Buches erklärt die Autorin die verschiedenen Bindungsarten, die im Laufe unserer Kleinkindheit entstehen und die Folgen für unsere Beziehungsfähigkeit im Erwachsenenalter. Sie geht auf Traumata (Schock- und Entwicklungstrauma), die Funktionsweise unseres Gehirns in Stress-Situationen und unsere Selbstregulation ein.

Im zweiten Teil des Buches geht es um die Integration früher Wunden und was es braucht, um Veränderungen zu erreichen. Immer wieder erwähnt sie, wie wichtig unser Körpergedächtnis bei all dem ist. Wie sehr der Körper jede Art von Erlebnis speichert und wie wir über unseren Körper Emotionen regulieren können. Sich wieder spüren zu lernen ist ein wichtiger Schritt in Kontakt mit alten Wunden zu kommen und diese in unser Leben zu integrieren.

Dami Charf ist eine erfahrene Traumatherapeutin mit dem Schwerpunkt auf körper- und bindungsorientierter Therapie. Über ihre Arbeit, ihre Ausbildungen und Angebote kannst du mehr auf ihren Websites traumheilung und einfachmenschsein oder ihrem youtube-Kanal erfahren.

Angst, Trauma und Bindung

Viele Kapitel kommen mir aus der Krisen- und Trauerbegleitung Ausbildung bekannt vor. Ich konnte sie mit Hilfe des Buches vertiefen und nochmal anders verstehen. So erschlossen sich mir nun einige Begrifflichkeiten, von denen ich gelernt, sie aber nicht vollständig verstanden hatte, wie das Toleranzfenster eines Menschen oder die Bottom-Up/Top-Down Funktionsweisen von Menschen.

Ganz grundlegend beschreibt Dami Charf, wie Traumata entstehen, wie unser Gehirn und unser Körper funktioniert (nämlich noch ganz althergebracht und urzeitlich), welche Reaktionsmuster uns zur Verfügung stehen, wenn wir „Gefahr“ erkennen (Flucht, Angriff, Starre) und welche Auswirkungen das auf unsere Entwicklung hat.

Ich habe gelernt, dass es verschiedene Bindungstypen gibt (sichere Bindung, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent, desorganisiert). Da erkannte ich plötzlich symbiotische Tendenzen mit den Kindern, wo ich bisher nie verstand, wenn ich mit dem Verdacht konfrontiert wurde. Auch Verhaltensweisen in der Beziehung mit dem Mann (vorallem in Konflikten) wurden plötzlich klar und nachvollziehbar.

Ich habe nun viele Spuren, wo ich mich besser verstehe, verständnisvoller mit mir (oder auch dem Mann) sein kann oder Anknüpfungspunkte finde.

Dazu passt ein Zitat aus dem Buch ganz gut:

„Meiner Ansicht nach geht es im Leben – und auch in einer Psychotherapie – genau darum: sich selbst eine gute Freundin bzw. ein guter Freund zu werden, immer mehr Wahlmöglichkeiten zu bekommen und immer weniger auf bestimmte Reaktionsmuster festgelegt zu sein.“

Der Körper als wichtigster Hüter jeder individuellen Geschichte

Mit all dem Hintergrundverständnis über unser Verhalten, Bindung und den Körper können wir mit der Zeit neue Handlungsmuster bilden. Die grundlegenden Schritte dafür sind nach Erfahrung der Autorin:

  • den eigenen Körper wieder fühlen und darin Heimat finden
  • die Selbstregulation erhöhen
  • Emotionen regulieren lernen
  • die eigene Kontakt- und Beziehungsfähigkeit stärken

All das sind Prozesse und keine Lösungen, Wege und keine Ziele.

In einem Kapitel beschreibt die Autorin, wie wichtig Sicherheit ist, um sich gut spüren zu können. Da habe ich meinen guten alten Kontrolletti wieder entdeckt :) Wenn wir uns nicht sicher fühlen, ist unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion eingeschränkt, unsere kognitiven Fähigkeiten vermindern sich, und wir sind kaum fähig, Neues zu lernen. Menschen haben unterschiedliche Strategien, Sicherheit für sich herzustellen. Das können sein: Kontrolle, Verleugnung, Vertrauen und Beziehung. Kontrolle ist eine der geläufigsten, aber auch anstrengendsten Formen, Sicherheit herzustellen.

Bei den Bewertungen für das Buch lese ich oft als Kritikpunkt, dass die Autorin keine konkreten Hilfestellungen/Übungen anbietet. Das Buch erweckt anhand des Titels die Erwartung, ein Selbsthilfebuch zu sein. Am Anfang habe ich das auch so erwartet oder empfunden, je tiefer ich mich aber hineingelesen habe, desto mehr wurde mir klar, dass es hier darum geht, erstmal Verständnis und Sensibilität zu schaffen. Betroffene haben nun einen Ansatzpunkt, weiter zu gehen und z.B. eine Therapie zu beginnen. Ich glaube, was es mit all dem Wissen über Trauma braucht, lässt sich nicht über das kognitive Verstehen und Übungen aus einem Buch lösen. Da braucht es Beziehung, Anleitung und spürbares Erfahren.

Das Buch war für mich voller Aha-Momente, interessanter Zusammenhänge und Bestätigung, dass ich mit therapeutischer Begleitung, Sensory Awareness und den Techniken zur Selbstregulierung aus dem Dharmatraining auf einem guten Weg bin.

Lieblingszitate

(neben den vielen langen, zusammenhängenden Sachverhalten)

„In unserer Zeit haben viele Menschen keinen guten Bezug mehr zu ihrem Körper und seinen Reaktionen, oder sie haben es nicht gelernt, Übergänge zu gestalten.(..) Es ist wichtig, im Alltag Übergänge zu identifizieren und sie zu gestalten.“

„Menschen sind für Resonanz und Beziehung geboren. Resonanz ist immer dann gegeben, wenn wir das Gefühl haben, gesehen und gefühlt zu werden. (..) Wir alle kommen auf diese Welt mit der Frage: „Wo bist du?“

„Ich glaube, dass das Leben viel zu komplex ist und viel zu viele Einflüsse auf uns einwirken, als dass es kontrollierbar sein könnte. Das Leben ist viel größer, als wir es erfassen können, und da hilft manchmal ein bisschen Demut, um zu verstehen, dass wir nicht alles in der Hand haben oder beeinflussen können.“

„Das Nein zu den Anderen ist das Ja zu sich selbst.“ – Wenn wir Nein sagen, lernen wir, uns als Ich zu spüren.

„Wir können uns neue Verhaltensmuster nur in einem entspannten Zustand aneignen, da wir unter starkem Stress faktisch nicht „lernfähig“ sind.“

„Kommunikation ist ein sehr wichtiges und tiefgreifendes Mittel, in die Welt zu treten. Man weiß heute aus der Neurowissenschaft, dass Gefühle, die wir benennen können, allein dadurch bereits einen Teil ihres Schreckens verlieren und weniger beängstigend werden.“

Sinnlichkeit und Verletzlichkeit

„Unser Körper ist der einzige, den wir in diesem Leben haben. Es gibt keine Tauschbörse. Er wird uns bis ins Grab begleiten, deshalb sollten wir uns mit ihm anfreunden. Ihn anschauen und aufhören, an ihm herumzunörgeln. Er ist, wie er ist. Wir sollten damit anfangen, uns mehr und mehr bewusst zu machen, wie wir mit uns selbst sprechen und uns dann umerziehen. Die meisten Menschen reden mit sich selbst und über ihren Körper in einer Art und Weise, wie sie nie mit jemand anderem sprechen würden. Nie!“

„Nur weil unser Kopf glaubt, etwas zu wissen, heisst das noch lange nicht, dass unser Verhalten oder Erleben der Welt sich ändert. Wir sind unser Körper. Unser Körper fühlt und macht sinnliche Erfahrungen, er muss etwas begreifen und erleben, um neue Wege gehen zu können.“

„Im Alltag neigen wir dazu, viele Dinge gleichzeitig zu tun und vermindern dadurch die Tiefe des Erlebens.“

„Geben wir unsere Verletzlichkeit auf, verlieren wir damit auch unsere Berührbarkeit.“

„Berührbarkeit und Verletzlichkeit lassen uns Teil von etwas sein. Nur dann können wir uns verbinden mit dem, was wir tun, und mit den Menschen, die uns umgeben.“

„In unserer Verletzlichkeit liegen unsere Menschlichkeit, unsere Liebe, unsere Tränen, unsere Kraft und unser Mut. Verletzlich zu sein bedeutet allerdings nicht, wehrlos zu sein, und Hingabe heißt nicht, ausgeliefert zu sein!“

 

*Affiliate Link


Hat dir der Beitrag gefallen? Wie StrassenkünstlerInnen der Hut, steht jetzt hier im Blog eine Teekasse. Nur eben virtuell. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder Farben und Papier. Danke für die Wertschätzung <3

2 Gedanken zu „gelesen :: Auch alte Wunden können heilen

  1. Danke für deine Rezension. Das Buch klingt sehr interessant! Und ich bin begeistert, wie viele Bücher du momentan liest.
    Liebe Grüße
    Sternie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.