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gelesen :: Leitwölfe sein

Vor vielen Jahren habe ich ein Buch von Jesper Juul gelesen, aber kaum etwas daraus für mich und mein Leben mit Kind anwenden können. Da waren zwar interessante Impulse drin, aber entweder die Sprache oder etwas anderes haben mir den Zugang dazu erschwert. Natürlich stolpert man im Laufe des Lebens mit Kindern immer wieder über Juul. Und dafür bin ich dankbar.

Vor einer ganzen Weile sprach mich das Buch „Leitwölfe sein“ in der Buchhandlung an. Ich glaube, es war das innere Bild, was sich mir zeigte. Von einer Leitwölfin. Fand ich lebendiger und schlüssiger als ein Leuchtturm. Ich habe mir das Buch in der Bahnhofsbuchhandlung am Leipziger Hauptbahnhof als Reiselektüre gekauft, bin aber nicht über die Einleitung hinaus gekommen. Dann stand es bestimmt gut zwei Jahre im Bücherregal, und ich wusste, dass ich es irgendwann lesen würde. Anfang des Jahres nahm ich es mir dann als Reiselektüre zum Parimal mit. Diesmal kam ich gut ins Buch hinein und gut voran. Die Lektüre hat mir Spaß gemacht, mich intellektuell stimuliert und auf einer Ebene befriedigt. Ein wirklich umfassendes und gelungenes Buch.

Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie

„Every team needs a captain, jede Familie braucht ihre Leitwölfe.“

Jesper Juul gibt auch in diesem Buch kein Patentrezept für funktionierende Beziehungen, regt aber vielschichtig zum Hinterfragen der eigenen Familiendynamik an. Er betrachtet Familie persönlich, politisch, gesellschaftskritisch und vor histroischen Hintergründen. Er selbst bezeichnet dieses Buch als etwas wie ein politisches Manifest. Gerade diese umfassende Sichtweise auf das Thema Familie hat mir wirklich gut gefallen.

Im Buch beschreibt Jesper Juul, wie wir von einer alten Art der Führung über Autoriät, Macht und Gehorsam zu einer neuen Führungsrolle durch eine andere Art der Autorität (Vertrauen und Beziehung) gelangen können. Dabei müssen wir uns die gesellschaftliche Entwicklung ebenso anschauen, wie unser eigenes inneres Kind, unser Muster durch unsere Geschlechterrollen und die gegebenen Strukturen in Politik und Gesellschaft.

„Es geht darum, seine Kinder kennenzulernen, ihre persönlichen Grenzen kennenzulernen, sich diesen gegenüber respektvoll zu verhalten und mit seinen Kindern so authentisch wie möglich umzugehen. Das ist das Thema dieses Buches.“ (S.11)

Juul regt an mehreren Stellen des Buches an, die eigenen Werte zu hinterfragen (oder erst einmal über die eigenen Werte nachzudenken) und herauszufinden, was ich als Basis für meine Familie will. Dafür ist es notwendig, immer wieder zu reflektieren und im Gespräch miteinander zu sein. Klare Wertvorstellungen sind auch wichtig, um uns nicht automatisch an soziale Normen anzupassen und sie als gegeben hinzunehmen. Denn oftmals sind diese richtiggehend ungesund für Kinder und Erwachsene.

Ich finde immer wieder sympatisch, dass Juul nicht mit erhobenem Zeigefinder daherkommt. Er motiviert zum Scheitern, Fehler machen und Lernen, plädiert aber auch dafür, Verantwortung für seine Fehler zu übernehmen. Das nimmt Druck und Erwartungen raus und überzeugt mich mit einer gelassenen und bodenständigen Art.

Neben Werten bekommt das Selbstwertgefühl eine große Gewichtung im Buch. Was ist das Selbstwertgefühl udn wie können wir dazu beitragen es aufzubauen und nachhaltig stärken.

„Selbstvertrauen hat mit Können und mit Leistung zu tun – mit dem, was wir machen können und gut machen. Selbstwertgefühl gehört dagegen zu einer vollkommen anderen Welt. Es hängt damit zusammen, wer wir sind und wie wir dazu stehen, wer wir sind. Es beschreibt ein existenzielles Phänomen, dessen Entwicklung nahezu vollständig von der elternlichen Führung abhängt.“ S.34

Das Buch ist wieder eines der Lektüren, wo ich viel angestrichen, angemerkt und unterstrichen habe. Viele Sätze sind mir nachgegangen, haben mich zum Nachdenken und Reflektieren angeregt. Ein Bruchteil der Zitate habe ich hier aufgeschrieben, um ein Gefühl für das Buch zu vermitteln. Leitwölfe sein bleibt in meinem Bücherregal stehen, damit ich immer wieder darin blättern und mich erinnern kann.

Einige Lieblingszitate aus dem Buch

„Kinder werden mit großer Weisheit geboren, aber ihnen fehlen praktische Lebenserfahrung, Überblick und die Fähigkeit vorauszudenken. Um diese Kompetenzen zu erlangen, brauchen sie Erwachsene.“ S.21

„Die ideale durch Erwachsene ausgeübte Führung ließe sich folgendermaßen beschreiben: Sie ist proaktiv, empathisch, flexibel, dialogbasiert und fürsorglich.“ S. 24

„Persönliche Authorität gründet sich auf Selbstwertgefühl, Selbsterkenntnis, Selbstachtung, Selbstvertrauen und auf unsere Fähigkeit, unsere persönlichen Werte und Grenzen ernst zu nehmen, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, uns aufzublasen.“ S.27

„Wir können mit und von unseren Kindern lernen – wenn wir uns dafür entscheiden!“ S.29

„Erwachsene sind zu einhundert Prozent verantwortlich für die Qualität der Beziehung.“ S.31

Leitwölfe sein, Liebevolle Führung in der Familie, Jesper Juul, Beltz

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