Gelesen :: Miroloi

Gelesen :: Miroloi

Jetzt bin ich doch schneller fertig geworden mit dem Buch. Das nächste, was mich eingesaugt hat in seine Geschichte. Ein Lesesommer.

Miroloi von Karen Köhler

In einem wertig gebundenen Äußerem kommt es daher. Mit Lesebändchen (ich liebe Lesebändchen) und tiefblauem Hardcover-Einband. Der Klappentext ist rafiniert um das Innere des Buches gefaltet.

Das Miroloi ist ein Trauerlied, was man den Verstorbenen über ihr Leben singt. In einhundertachtundzwanzig Strophen (=Kapiteln) erzählt das Mädchen ohne Namen über ihre Geschichte im Dorf auf der schönen Insel, wo sie eigentlich keinen Platz und keinen Namen hat. Wo sie als Findelkind aufgewachsen ist. Wo Gesetze das Miteinander regeln und einengen. Durch Liebe, Verbündete und viele Heimlichkeiten wird das Mädchen zu Rebellin. Sie lernt lesen und begehrt gegen das, was immer schon war auf. Sie beginnt die Ungerechtigkeiten zu hinterfragen, an den Göttern zu zweifeln und mit unglaublichen Mut ihren eigenen Weg zu suchen.

Die Autorin hat für die Geschichte eine Insel mit einer ganz eigenen Religion erdacht, die sowohl von Sprachgebrauch und Götterbild an die Weltreligionen angelehnt ist. Ich habe einige Parallelen zu anderen Religionen entdeckt. Das heilige Buch heisst Khorabel (Eine Wortshöpfung aus Koran, Thora und Bibel?), die Gottesdienste Pujachatt. Sie glauben an die drei Götter den Erschaffer, Erhalter und Zerstörer (angelehnt an Brahma, Vishnu, Shiva?), es gibt heilige Feiern im Lauf der Jahreszeiten, die nach dem Mond ausgerichtet sind. Das Leben folgt dem Rhythmus der Natur, den Tätigkeiten rund um Saat und Ernte. Die Männer haben andere Rollen und Rechte als die Frauen.

Das Buch liest sich schön. Es hat eine ganz eigene Art der Poesie und Erzählweise. Das Mädchen hat trotz ihrer Zerbrechlichkeit eine unglaubliche Kraft. Ich mag die Beschreibungen der Tätigkeiten, die Gedanken und reduzierten Dialoge. Das Buch ist grausam und doch wunderschön.

Lieblingszitate

„Die Küche ist mein liebster Raum im Bethaus. Hier bin ich nur ich, und hier bin ich glücklich. Sie ist das herzstück, von hier kommen die Liebe, die Wärme und der Duft ins ganze haus. Hier wird zusammengefügt und gesäubert, hier entsteht Neues, Nährendes, Gutes. Das ist wie Zaubern.“ (S.29)

„Ich koche beim Kochen. Wenn alles seine Reihenfolge hat, bleibt kein Augenblick frei, ist jede Bewegung da, wo sie sein soll. Dann fließt du wie bei einem Tanz durch die Zeit, und am Ende kommt eine Kräuterpastete heraus. Ab in den Ofen damit.“ (S.30)

„Ich fühle mich nicht mehr wohl in mir selbst, bin mir kein Zuhause mehr, bekomme meinen Sack nicht zu. In mein Zuhause sind Fragen und Geheimnisse geraten, und anscheinend sind diese Zutaten die Liebspeise des Zweifels.“ (S.219)

„Dann kommt sie zu mir und streicht mir zärtlich über den nassen Kopf, voller Liebe, die nichts will, die nichts erwartet.
– Warum bringst du mir das bei?
– Weil du durstig bist, mein Mädchen. Es ist gut, Dinge zu können, von denen niemand vermutet, dass du sie kannst. Ich hätte längst mit dir herkommen sollen.“ (S.237)

„Ich liege in meinem Bett, denke an das Meer und lecke an meinen Armen. Sie schmecken noch nach Salz.“ (S.245) – Hihi, das mache ich auch immer so, wenn ich im Meer baden war!

„Ist ein Gedanke erst ausgesprochen oder aufgeschrieben, dann ist er in der Welt, dann hast du keine Kontrolle mehr darüber, was er auslöst oder anstößt.“ (S.320)

„Ich bin da, aber ich bin nicht da. Trauer ist ein Biest, das dich jederzeit anfallen kann. Mal würgt es dich und raubt dir den Atem, mal pustet es dir Wolken in den Kopf, mal reißt es dir Gedärme raus, mal tropft es still durch deine Augen, mal liegt es bergschwer auf dir, saugt dir jedes gefühl aus dem Leib und drückt dich zu Boden, dass du denkst, du kommst nie wieder vom Fleck.“ (S.324)

„Immer muss man noch etwas haben, etwas dazu besitzen, wenn man der Gier erstmal nachgegeben hat. Besitzt man ein Ding, kommt ein anderes hinzu, und wegen diesem Ding kommt dann wieder etwas hinzu. Das alles musst du dann mit dir durch das leben schleppen. Was brauche ich denn wirklich?“ (S.381)

Miroloi, Karen Köhler, Hanser, 24 Euro* (Buch7)

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2 Gedanken zu „Gelesen :: Miroloi

  1. Na das liest sich wie eine gute Empfehlung für die Herbstferien wenn wir auf „unsere“ Insel fahren. Danke.

  2. das klingt wirklich sehr ansprechend. danke, dass du uns an deiner lesefreude teilhaben lässt, liebe ramona. ich finde es gar nicht so einfach, fesselnde bücher zu finden. und merke auch, dass ich mit dem preis hadere, wenn es mir dann doch nicht so gut gefällt. von daher bin ich froh, dass du ‚vor‘ liest…
    liebe grüße, andrea

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