Geburtserinnerungen

Geburtserinnerungen

Immer, wenn sich der Geburtstag eines Kindes nähert, dann verfalle ich sentimentalen Erinnerungen an die Schwangerschaft, Geburt und erste Zeit. Ich habe also die Erinnerungskiste des Wolfes rausgekramt, lese mich durch das Geburtsprotokoll und denke an die Zeit seiner Geburt. Nebelhaft habe ich diese 3 Tage Wehen in Erinnerung.

geburtserinnerungskiste

Am Montag vor 6 Jahren
Vor 6 Jahren ging ich am Abend des 5.Mai gegen 19:50 Uhr in die von mir auserwählte Geburtsklinik, weil ich das gefühl hatte, jetzt geht es los. Ich hatte alle 5-6 Minuten Wehen, der Muttermund war aber erst 2-3 cm offen. Wir gingen also noch im Park spazieren, um die Wehen etwas anzukurbeln. Nach über einer Stunde kehren wir in den Kreissaal zurück. Im Protokoll steht:

„Fr. möchte im Krs. bleiben, sie bewegt sich und kommt alleine gut zurecht.“

So verbringe ich die Nacht, veratmend, bewegend, wehend. Die Wehen jedoch sind genug, mich zu zermürben, aber zu schwach, um die Geburt voranzutreiben.

Am Dienstag vor 6 Jahren
So vergeht auch der darauffolgende Dienstag. Wir wechseln zwischen Kreissaal, Park und Wehenzimmer, ich bin erschöpft, esse zu wenig, der Mann versorgt mich mit frischem Obst und Kokosdrink. Am Ende des Dienstag bin ich so fertig von der dauerhaften Wehentätigkeit, daß ich mir zur Nacht ein Schmerzmittel geben lasse, um kraftschöpfend schlafen zu können. Das Schmerzmittel wirkt und ich kann mich (gemeinsam mit dem Mann im Wehenzimmer schlafend) ausruhen. Am nächsten Morgen beschliesse ich, nach Hause zu gehen und dort weiter abzuwarten.

Am Mittwoch vor 6 Jahren
Den Mittwoch verbringe ich daheim im Bett. Ich veratme weiterhin die schmerzhaften, aber schwachen Wehen, trinke heiße 7 (Schüsslersalz Nr. 7) und versuche Kraft zu tanken. Zwischendrin besucht mich die Tochter (damals 6), die in der Zeit bei Freunden untergebracht ist. Gegen Abend steigt die Wehentätigkeit.

Am Donnerstag vor 6 Jahren
Gegen 2 Uhr wecke ich den Mann und wir fahren erneut in die Klinik. Der Muttermund ist 6-7 cm geöffnet. Ich nehme ein entspannendes Bad und träume von einer Wassergeburt. Mein Kreislauf erträgt aber die Wanne nicht sehr lange, sodass ich irgendwann wieder raus muss, später aber wieder rein gehe.
Dennoch zieht sich dieser Tag und die Wehentätigkeit weiter hin. Ich döse erschöpft auf dem Bett, die Hebamme rät mir zur Öffnung der Fruchtblase, um die Wehentätigkeit anzuregen. ich habe Angst davor. Ich bin schon so erschöpft, daß ich nicht weiss, wieviel mehr ich ertragen kann. Nach einer kleinen Pause stimme ich der Öffnung der Fruchtblase zu. Danach werden die Wehen zunehmend und kräftiger. Als ich Druck nach unten verspüre, wechsle ich meine Position auf den Geburtshocker. Während der Wehen massiert die Hebamme den letzten Rest Muttermund, der noch im Weg ist. Das habe ich sehr schmerzhaft in Erinnerung. Aber dann, am 8.Mai 2008, um 10:48 Uhr, steht im Protokoll, „Spontangeburt eines lebensfrischen Jungen“. Da war er, unser kleiner Wolf, etwas zerknautscht, wie ein Boxer nach dem Kampf und am ganzen Körper mit schwarzen feinen Haaren bedeckt. Wir durften in Ruhe kuscheln, die Nabelschnur auspulsieren lassen, die Plazenta gebären und uns beschnuppern. Die ganze Zeit war der Mann dabei, hat mich unterstützt, mich gehalten, versorgt und motiviert.
Vielen Dank auch an alle Hebammen, die mich abwechseln betreut haben. Ich glaube, ich habe das ganze Team kennengelernt. Da war sogar die Hebamme dabei, die die Tochtergeburt begleitet hat. Alle Hebammen haben mir so viel Freiheit und Selbstbestimmung im Rahmen der Klinikumgebung gelassen, wie ich brauchte, um mich wohl und sicher zu fühlen. Sie waren im Hintergrund, aber trotzdem ansprechbar, falls ich Fragen hatte oder Hilfe brauchte. Sie waren einfühlsam und rücksichtsvoll.

Jetzt wird dieser kleine Wolf morgen schon 6 Jahre alt. Ich grabe meine Nase in seinen dunklen Haarschopf, schliesse die Augen und denke an das kleine Bündel von damals und daran, was für ein toller Junge er ist. Mein Wolf.

Und ich gehe Kuchen backen.

11 Gedanken zu „Geburtserinnerungen

  1. Liebe Ramona, ich denke diese Sehnsucht und Melancholie der Vergänglichkeit erfasst jede Mutter, wenn das Kind wächst oder Geburtstag hat. „Bitte, bleib noch so ein Weilchen“ – denke ich ich auch ab und an, andererseits freue ich mich über das Wachsen der Kinder. Der Stolz so etwas Herrliches und Gutes auf die Welt gebracht zu haben ist unermässlich. Ein Wunder. Nicht mit Worten zu beschreiben.

    LG Julia

  2. Oh, so schön geschrieben! Da bekomme ich direkt einen Kloss im Hals! <3

  3. Gänsehaut..!
    Es ist unglaublich wie schnell die Zeit vergeht. 6 Jahre, Wahnsinn…
    Großer kleiner Wolf…

  4. Auch wenn du Schmerzen hattest, es liest sich einfach wunderbar. Ein tolles Erlebnis, so eine Geburt, und ich muss gestehen daß ich jetzt Gänsehaut bekommen habe.

    Dem Wolf einen schönen Tag morgen :)

    Alles Liebe,
    Kivi
    http://kivi.dreamwidth.org/

  5. Hallo Ramona,
    so ein liebevoller Bericht. Auch bei uns nähert sich der Geburtstag der Tochter, der ist zwar schon etwas länger her, aber ich denke auch immer gerne an den Tag zurück, als sie pünktlich morgens am errechneten Termin per Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickt. Und noch gerner als sie keine 7 Stunden alt, den großen Bruder, damals noch keine 2 Jahre alt, kennenlernen durfte.
    LG zu Dir und einen tollen Geburtstag
    Manu

  6. Danke für diesen persönlichen, berührenden Rückblick. Eine abenteuerliche Geburt! Diese Kinder…. machen uns gleichzeitig so verletzlich und doch so stark.

  7. Liebe Ramona ,

    Alles ist schon gesagt….
    Wunderschön … Berührt mich sehr !
    Und ja, wahrscheinlich jede Mama kann das nachvollziehen….
    Wemut und Freude … Alles gleichzeitig.
    Lena

  8. eine sehr schöne beschreibung der marathon-geburt! hat die geburt deiner großen tochter ähnlich lange gedauert?
    liebe grüße
    linnea

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