Wenn alle persönlichen Themen auf einmal hochkommen

Wenn alle persönlichen Themen auf einmal hochkommen

In einem der letzten Artikel schrieb ich darüber, daß Weihnachten jedesmal auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst ist. Und wie als kleiner Beweis der These und als kleine Erinnerung, daß ich vielleicht doch nicht so ganz frei von Erwartungen bin, wie ich mir wünsche, kam es am Heilig Abend (oder sagen wir mal -Tag) ganz dick.

Es begann schon morgens mit einem aufgeregten Wolf, der die Spannung kaum aushalten konnte. Er ist sechs. Natürlich kann er selbst noch nicht seine Aufregung so kanalisieren, daß er damit keine anderen Menschen nervt oder mitreißt. Er wollte also schon am liebsten gleich nach dem Aufstehen Geschenke auspacken, Theater anschauen und dieses Weihnachten endlich haben. Keiner von uns war in der Lage, die Situation aufzufangen, den Raum zu halten, die Energie in andere Wege zu leiten. Hinterher betrachtet wäre es wahrscheinlich ein einfaches gewesen, mit ihm gemeinsam rauszugehen, einen Film zu schauen oder ihm sein Geschenk schon zu geben. Stattdessen steigerte sich die Stimmung unerträglich in Motzlaune und Miesepetrigkeit. Die ganze Erschöpfung der vergangenen Monate, die eigene Orientierungslosigkeit dabei, eine angemessene Weihnachtstradition zu finden, die uns jenseits des christlichen Weihnachtsfestes und jenseits unserer unterschiedlichen Kindheitsweihnachtsfeste doch einen Sinn gibt und verbindet, die doch unausgesprochenen Erwartungen an ein schönes Fest mit einem bestimmten Ablauf, dem Wunsch nach Struktur und Ritual – all das kam zusammen und gipfelte an diesem heiligen Tag.
Die Laune konnte nicht tiefer im Keller sein. Es flossen Tränen, es flogen harte Worte um unser aller Ohren, keine Spur von Besinnlichkeit. Wir beschlossen, Weihnachten künftig wegzufahren, nicht mehr gemeinsam zu feiern, alles ausfallen zu lassen und überhaupt. An einem einzigen Tag wurde ich mit so ziemlich allen Themen konfrontiert, die mich immer wieder einholen.

heiligabend 4

heiligabend 3

heiligabend 2

heiligabend 1

Am Ende bekamen wir natürlich doch noch die Kurve. Ich ging eine Runde spazieren, meckerte meinen Frust raus und wir beschlossen, das Ruder rumzureissen. Es war ein Kraftakt, aber es hat sich gelohnt. Wir umarmten uns, ich ging dann in die Badewanne, während die Familie die Tiere-Fütter-Spazierrunde machte. Ich legte die Geschenke unter den Baum und es war Weihnachten. Es wurde ein sehr schöner Abend. Mit unseren Geschenken, Essen, dem Schattentheater, alten Fotos, später etwas Sekt und Geschichten (Affiliate Link zu Story Cubes).

Ein bisschen ist so ein Fest ja wie ein Orgasmus. Erst das gemeinsame Hinfiebern, der Höhepunkt und dann das wohlige Rumlungern in Entspannung, wenn alles langsam von einem abfällt.

Es ist nicht immer perfekt. Und das ist völlig ok. Als Erinnerung für nächstes Jahr. Falls es auch wieder dumm läuft. Am Ende wird alles gut. Heute lungern wir entspannt durch den Tag, feiern den Geburtstag des Mannes mit der traditionellen Torte und spielen mit unseren Geschenken. Und natürlich möchte ich Weihnachten nicht ausfallen lassen. Dazu ist es dann doch viel zu gemütlich. Ich fühle mich sehr reich beschenkt und bin dankbar. Für diese Familie und alle wunderbaren Menschen in meinem Leben. Danke für alle Briefe, Karten und Packerl, die hier ankamen.

Ich wünsche dir ein gesegnetes und gemütliches Weihnachtsfest.

16 Gedanken zu „Wenn alle persönlichen Themen auf einmal hochkommen

  1. … wann, ja wann, fängt Weihnachten an?

    Ich freue mich über so viel Offenheit und kann es sehr gut verstehen.
    Die Ansprüche und die Realität sind leider oft an Weihnachten nicht identisch.

    Ich wünsche trotzdem eine schöne Zeit zwischen den Jahren und einen guten Start in 2015.
    Alles hat seine Zeit,
    Sandra

  2. Liebe Ramona!
    Auch ich/wir „arbeiten“ seit Jahren an einem Weihnachtsfest, das für uns alle gleichermaßen „gut“ ist. Ob mit einem oder drei Kindern, oder alleine wie dieses Jahr das 1. Mal seit 44 Jahren – es ist nicht leicht, die Erwartungen unter „einen Hut“ zu bringen. Vor allem, wenn eigentlich nur ich stetig meine Gedanken darüber formuliere…im Nachhinein gesehen ist es dann eigentlich immer schön, auf je ganz eigene Art wird dann „plötzlich“ Weihnachten. Die Tage „danach“ und die Zeit zwischen den Jahren lieb ich inzwischen fast noch mehr, weil ich als Frau, die in Kirche und Schule arbeitet, ziemlich angestrengt bin, rein auch körperlich. Ich bin irgendwie froh, dass auch andere daran laborieren und es überall nicht SO einfach ist – und dann plötzlich doch gelingt. Gesegnete Weihnachten und eine wunder-bare Zeit miteinander….deine Barbara

  3. Oh, es tut auch mal sehr gut zu erfahren das es nicht nur uns so schlecht ging….und danach so gut auch…. Letzte Tage und vor allem gestern vormittag war es einfach schrecklich…ich habe wirklich überlegt alles abzusagen, Türe hinter mir zu zumachen und verschwinden. Liegt es an unseren Erwartungen? Das erste Mal in neuem Haus, endlich Mal Pause von Schule und Studium….Aber dann, dann ging es endlich, aber so kleines bisschen tuts immer noch weh….

  4. Für mich ist das DIE Weihnachtsbotschaft: Aus allem Chaos, aus allem Leiden ist ein Neubeginn möglich. Wir dürfen uns voll Vertrauen und Hoffnung auf diesen Neubeginn einlassen. Genau das habt Ihr getan – eine wunderbare Weihnachtsgeschichte :-)

  5. Danke für diese Worte. So ähnlich ging es mir/uns dieses Jahr auch. Ich konnte mich zwischendrin so gar nicht leiden und der Mann hat uns sogar kurzzeitig allein gelassen weil er mich nicht aushalten konnte. Aber dann haben wir uns umarmt, verziehen und es konnte endlich Weihnachten werden….
    Das wurde es dann auch, mit Spiel und Gesang und tollem Essen…
    Ich wünsche Euch das ihr Eure Rituale und Euren Weg findet.
    Liebe Grüße Jenny

  6. Ich glaube, Erwartungen werden einfach meistens entäuscht. Deshalb habe ich mich vor etlichen Jahren – als wir noch mit Oma und Verwandten gefeiert haben und ich schließlich in Tränen ausbrach, weil ich es nicht mehr aushielt – so weit wie möglich davon verabschiedet.
    Wir machen es so, wie es uns gefällt, und wie es passt. Das Essen ist auch kein Ding. Dieses Jahr haben wir zusammen Toasts belegt und überbacken und nebenbei Apfelpunsch getrunken.
    Mein Sohn möchte immer dieselbe Weihnachts-CD (James Taylor) hören, wenn wir würfeln, um Geschenke auszupacken. Und das Krippenspiel gehört für die Kinder inzwischen auch dazu.
    Aber – wenn sie es dann langweilig finden, verlassen wir durchaus auch mittendrin die Kirche. Macht ja nichts.
    Mein Mantra ist „Es ist ja nur Weihnachten!“ Warum machen wir so etwas Großes daraus? Alles soll richtig laufen und ganz schön sein (also, bei mir in der Familie herrschte da immer ein gewisser Perfektionismus, den ich anstrengend fand).
    Ich finde es schöner, ein bisschen zu improvisieren. Die Kinder spontan entscheiden zu lassen. Es gemütlich anzugehen. :-) Wir unterhalten uns über den Sinn und auch Unsinn an Weihnachten und machen uns so unsere eigenen Gedanken. Und die Geschenke dürfen auch mal unsinnig oder lustig sein. :-)

    Ich wünsche euch noch schöne Weihnachten!
    Liebe Grüße, Sarah

  7. Da mein Mann gerne in einen kurzen Aufräumwahn verfällt, wurde es bei uns Heiligabend auch stressig. Er hat Küche und Wohnzimmer geputzt, obwohl wir eigentlich kochen wollten… letztlich ist aber alles gut gegangen und die Stimmung zum Glück nicht völlig gekippt. Da wir noch die Schwiegereltern zu Besuch hatten, fand ich Heiligabend jedoch nicht so ganz entspannt. Mal sehen wie es heute wird!
    LG, Micha

  8. Ich mag Dich einfach mal virtuell drücken und Euch dazu beglückwünschen wie gut ihr das letztlich hinbekommen habt!

  9. Danke für diese vielen schönen Gedanken (auch in den Kommentaren). Mir kam grad der Gedanke, dass ja auch das innere Kind mitfeiert, im Zweifelsfall das von vielen Menschen. Tja, und das bringt nun mal Erwartungen, auch die Enttäuschten der vergangenen Jahre, mit. Und es ist ok. Wir haben es alle überlebt, oder? Und sind wieder ein Stück weit gewachsen.
    Die MEdi tut sicher ihr übriges, Ramona. MAche sie ja auch gerade, und merke immer wieder, was für Schichten da freigelegt werden….

    Alles Liebe und noch einen entspannten Feiertag,
    Karuna

  10. Ooooohhhh….das hatten wir auch oft genau so in meiner Kindheit;-) Sat nam…ihr findet einen weg! Wahrnehmen und beim nächsten mal verändern;-)
    Und genießen wenn es gut ist!
    Glg

  11. Liebe Ramona,
    danke für diesen Post!!!
    So grausig schlimm, wie für euch der Vormittag auch war, so sehr hat mich dieser Post berührt. Irgendwie fiel eine Menge Last jetzt von meinen Schultern, denn ich dachte, dass es nur in meiner Familie hier immer so knallt … jedes Jahr aufs gleiche. Es macht mich alles mit betrübt.
    Wahrlich ist es ein Kraftakt, das Ruder einmal komplett rum zu reißen und ich bewundere euch, dass ihr es geschafft habt.
    Der Spruch hier scheint echt wahr zu sein:
    „VOM MOND AUS BETRACHTET, SPIELT DAS GANZE GAR KEINE SO GROSSE ROLLE!“
    Friedliche Jahresendspurttage für euch alle!
    Winnie

  12. Selten hat mich ein Blogeintrag so berührt. Ich danke Dir sehr fürs Teilen. Offensichtlich können viele deine Emotionen teilen und es hilft einfach, zu wissen, dass man nicht allein dasteht mit all dem Weihnachts-Schlamassel. Ehrlich, authentisch – dafür liebe ich Deinen Blog. Und jetzt wisch ich meine Tränen weg, lasse los und lasse mich ein auf die wahre Weihnachtsfreude.

  13. Liebe Ramona,

    heute endlich habe ich endlich Gelegenheit und Muße deine letzten drei Posts zu lesen. Auch ich kann deine inneren „Turbulenzen“ gut nachvollziehen und bin dir immer wieder dankbar für deine Offenheit. Ich habe deinen Blog sehr in mein Herz geschlossen. Ich bin beeindruckt, wie du deinen (Familien-) Alltag und besondere Anlässe meisterst, wie du dein Leben reflektierst, du immer wieder zur Ruhe kommst und allem etwas Positives, Lebensbejahendes abgewinnst. Du bist eine bemerkenswerte Frau, Ramona.
    Ganz herziche Grüße und beste Wünsche für dich und deine Lieben schon jetzt für das neue Jahr
    von Marion

  14. Liebe Ramona,
    auch von mir ein herzliches Dankeschön für diese Einblicke – immer wieder. Ich hätte euch natürlich einen anderen Start in die Festtage gewünscht, es ist aber schön zu lesen, wie rund dann doch noch alles wurde. So wünsch ich dir nun, dass es gut bleibt und ihr gut ins neue Jahr starten könnt. Ich freue mich schon jetzt auf deine wundervollen Gedanken und Berichte. Und auf die Fotos! Die sind immer so toll. Alles in allem strahlen deine Zeilen, trotz aller Turbulenzen, immer eine so unbeschreibliche Ruhe und Kraft auf mich aus, dass ich davon immer etwas mitnehmen kann. Dankeschön!
    Liebe Grüße,
    Jela

  15. Ich wollte einmal nachfragen… sozusagen als Aussenstehende, die kein Weihnachten feiert. Ich hoffe, meine Fragen sind nicht zu persönlich. Sie sollen auf jeden Fall keine Kritik sein, ich habe nur einfach ehrliche Fragen.
    Könnte es sein, dass viele Menschen eigentlich inhaltlich mit Weihnachten gar nicht so viel verbindet (scheint mir so, vielleicht liege ich aber falsch…)?
    Ich sehe den Spagat „Weihnachten ja, bitte mit Besinnlichkeit und Geschenken, aber bitte ohne Krippengeschichte“ bei vielen (säkularen) Bekannten.
    Von „aussen“ wirkt Weihnachten für mich immer wie ein Konsumfest, das dann mit Kerzen und einem guten Essen manchmal dann noch ein wenig eine andere Wendung bekommen kann. Mir scheint, dass manch anderer Abend jedoch genauso verbracht werden (vllt. ohne die Geschenke) und dann eine genau solche schöne und entspannte Atmossphäre entstehen könnte.
    Liegt es daran, weil es „alle tun“, dass so ein Abend genau an dem Datum zelebriert werden muss?
    Oder wegen der Kinder? Weil „alle anderen“ ihn unter einem Weihnachtsbaum verbringen? Ist der Druck von aussen hoch?

    LG und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.