Merle – eine Heilpuppe

Merle – eine Heilpuppe

„Hat sie einen Namen?“, wollte die Therapeutin wissen. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Nein, sie hatte keinen Namen. Aber Kinder brauchen doch einen Namen, oder? Spontan fiel mir Merle ein. „Merle. Sie soll Merle heissen.“

Im Oktober letzten Jahres überraschte mich die erste Panikattacke. Meine Beine zitterten unkontrollierbar, mir war kalt und mein Herz raste. Dann brach ich in Tränen aus. Zum Glück sass ich in der Sensory Awareness Stunde und die Leiterin konnte mir helfen, mich zu regulieren. Über viele Wochen ging es so weiter. Panikattacken, Erschöpfung, Dunkelheit in mir drin. Zwischendrin ging es mir mal wieder gut, dann kam die nächste Phase. Ich schleppte mich durch den Alltag, fror und weinte viel. Einfach so brachen das Zittern und die Tränen aus mir heraus. Ich verlor meinen Appetit, konnte kaum etwas essen und war schlapp. Den Höhepunkt erreichte der Zustand bei meinem Weibertreffen in Oybin. Ich war zwar dabei, aber eigenlich nur als Schatten meiner selbst und Tränenmeer. Was war ich froh um die verständnisvollen Freundinnen.
Weil es so nicht weitergehen konnte und ich merkte, dass ich allein da nicht rausschaffen kann, suchte ich mir Hilfe. Ich telefonierte mir mehreren Menschen, was denn der beste Weg zur Genesung sein könnte. Ich wollte wissen, was mit mir los war und vorallem, wie ich da wieder rauskommen kann. Dann begann ich eine Therapie. Schon bald konnten wir das Hauptthema eingrenzen. Ich bekam von der Therapeutin konkrete Werkzeuge an die Hand, die ich für mich ausprobieren konnte.

Eine Heilpuppe

In einer der ersten Therapiestunden, es ging um die Arbeit mit dem inneren Kind, kam mir die Idee, eine Heilpuppe zu nähen. Natürlich hatte ich sie schon fertig in meinem Kopf. Wie sie aussehen sollte, wie sie sich anfühlte, wie ich mich beim Nähen fühlte. Typisch. Und wenig überraschend, dass der Entstehungsprozess dann ganz anders kam. Zuerst kaufte ich ein Bettchen. Das hatte ich vor Monaten im Spielzeugladen stehen sehen und längst wieder vergessen. ich rief im Laden an, ob es denn dieses Bettchen noch gäbe. Gab es. Ich ließ es mir reservieren und holte es am nächsten Tag ab. Nun stand da ein leeres Puppenbettchen in meinem Schlafzimmer. Welchselnde BesucherInnen kuschelten sich unter die Decken.
Ich suchte nach einer Anleitung. Ich hatte ja schon einige Püppchen genäht. In meiner Vorstellung sollte es eine Mariengold-Anleitung sein. Aber ich wollte kein neues Schnittmuster kaufen, die Größe meiner vorhandenen Schnittmuster passte nicht zum Bett. So dauerte es eine ganze Weile, bis ich überhaupt mit der Puppe begann. Ich kaufte dann doch eine Anleitung. Aber nicht bei Maria, sondern bei Oktoberrosedolls. Ihre Puppen sind immer so entzückend auf Instagram. Dann häkelte ich. Zuerst die Beine. Irgendwann sass ich mit drei Puppenbeinen in der Hand, und keines passte zum anderen. Seufz. So entstand langsam aber stetig der Körper.

Von Schönheitsfehlern und Makeln

Nach einer längeren Pause kümmerte ich mich um den Kopf. Stimmte das Verhältnis zum Körper? Mag ich die Form? Ich häkelte eine Perrücke aus blondem Haar. Doch welche Frisur soll sie haben? Kurz oder lang? Zöpfe oder offenes Haar. Normalerweise tue ich mich nicht so schwer mit Entscheidungen. Als ich das Gesicht aufgestickt hatte war ich unzufrieden. Mir gefiel das arme Püppchen nicht. Nicht der Mund und nicht die Augen, nicht der Gesichtausdruck und überhaupt. Ich überlegte, Dinge zu verändern. Den Mund nochmal neu zu sticken. Den ganzen Kopf nochmal zu machen. Dann beliess ich es aber bei dem Püppchen. Schliesschlich müssen wir bei einem Kind auch nehmen, was wir bekommen und ändern (hoffentlich!) nichts dran herum.
Während ich der kleinen Puppe also ihre Kleider strickte und sie nach und nach ankleidete, wurde mein Herz immer größer. Und jetzt gefällt mir die Kleine richtig gut. Wolliges Herbstkind. Ich bin froh, dass ich sie genau so gelassen habe, wie sie ist. Das Fotoshooting im Herbstlaub hat uns richtig Spaß gemacht. Das kleine Eichelkind in der Blatt-Tasche ist schon 2016 in einem Kurs bei Iris Rosenrot entstanden.

Und was ist jetzt heilsam an so einer Puppe?

Ich glaube, es ist der ganze Entstehungsprozess und die Intention beim Nähen/Erschaffen. Der Flow im Moment des Handarbeitens und Gestaltens. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen, dem Perfektionismus und dem Anspruch. Es ist die erlebte Selbstwirksamkeit, das schöpferische Tun und letzendlich auch der spielerische Aspekt des ganzen Prozesses. Mir die Erlaubnis geben ganz für mich etwas zu erschaffen, damit zu spielen, die Puppe (und damit mich selbst) zu bemuttern, ihr Kleidung zu stricken, sie anziehen, gestalten.
Den Kopf und Haare hab ich ohne Anleitung gemacht.
Das Kleidchen ist auch nach einer Anleitung von Octoberrosedolls.

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4 Gedanken zu „Merle – eine Heilpuppe

  1. Hallo Ramona,
    ich staunte über deine Art, an die Sache heran zu gehen, genauer die Puppe passend nach dem Bett zu gestalten…
    Weiter staunte ich am Ende deines Postings bei den Fotos, die das Bett zeigen. In meiner Vorstellung war es ein naturfarbenes, kleines, kuscheliges Holzbett, ähnlich einer Wiege, rundlich und behütend. Tatsächlich ist es ein weißes Stockbett im eher nüchtern, skandinavischem Stil.
    Bestimmt hast du gut über all das nachgedacht und sehr bewusst entschieden, was du brauchst. Mich werden diese Gedanken heute jedenfalls durch den Tag begleiten.
    Danke für diesen spannenden Beitrag 🖤
    Claudiagruß

  2. Ich hatte die gleichen Empfindungen wie meine Vorkommentatorin: das Stockbett überrachte mich sehr. Und der gesamte Post hat mich sehr berührt. Vielen herzlichen Dank, Dass Du ihn uns geschenkt hast.

  3. Vielleicht kam das in meinem Post nicht so genau rüber. Das Bett war eher ein spontaner Impuls, unabhängig von der Puppe. Die Puppe habe ich nur von der Größe an das bett angepasst, nicht die Puppe nach dem Bett gestaltet. Das alles war weniger ein Kopfprozess als es scheint. Ich hatte zwischendrin auch Widerstände. Und ja, ich selber hätte mir ein skandinavisches Stockbett auch nicht zugetraut :)

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