Alles richtig gemacht!?

Alles richtig gemacht!?

Es gibt einen Spruch, der mir vorallem auf Twitter immer wieder begegnet, der mich sehr zum Nachdenken bringt. Wann immer sich ein Kind nach unseren Werten und Vorstellungen verhält, dann wird das geteilt mit dem Zusatz „alles richtig gemacht“ (das Kind liebt Bücher, das Mädchen wählt statt Rosa auch Blau, das Kind isst Gemüse, das Kind hört Musik, die wir auch cool finden usw usw) Natürlich verstehe ich den Stolz und die Freude, wenn wir unsere eigenen Erwartungen und Wertvorstellungen in unserem Kind wiedergespiegelt sehen. Das fühlt sich ein klein wenig wie ein Erfolgserlebnis an. Und genau so wird es auch kommuniziert. Alles richtig gemacht. Ich habe nichts falsch gemacht. Doch was bedeutet es im Umkehrschluss? Daß ich Dinge falsch mache, weil mein Kind nicht meinen Erwartungen entspricht, sich nicht verhält, wie ich es für gut befinde? Geht es darum? Habe ich etwas falsch gemacht, wenn mein Kind nicht gern liest, rosa mag oder auf Fleisch steht, obwohl ich gern lese, rosa in Verbindung mit Mädchen verabscheue oder Gemüsefreak bin?

Was ist überhaupt richtig, was falsch? Sind wir da nicht wieder bei Bewertungen und bei den oftmals hohen Anforderungen an uns selbst?

Natürlich, wie der Spruch bei mir ankommt, das hat auch was mit mir selbst zu tun. Was wird da angesprochen, was ich gern hätte, aber nicht habe? Welche unbefriedigten Bedürfnisse, offene Baustellen schlummern da noch? Welche Erwartungen an mich, an meine Kinder?

Im Kindergarten hatten wir neulich einen Mütter-Abend (es gibt auch Väter-Abende). Da ging es in erster Linie um die Begleitung unserer Kinder vom Minibaby bis zum Kindergartenkind und weiter. Wie verändert sich der Kontakt, wie wachsen wir mit, was braucht das Kind am Anfang, was jetzt? Wir hatten interessante Gesprächsgruppen mit Themen, die alle wieder erkannten. Kinder, die in der Entwicklung oft einen Schritt voraus sind. Wir Eltern, die sich gerade an eine Gegebenheit gewöhnt haben und schon ändert sich wieder alles und wir müssen umdenken, mitwachsen, unsere Kinder achtsam begleiten. Und wie oft es uns nicht gelingt, beim Kind zu bleiben. Wie wir uns Gedanken machen, es ‚richtig‘ machen wollen, es besser machen wollen. Wir unterhielten uns auch über ‚Intuition‘ und ‚gesunden Menschenverstand‘ – beides Begriffe, die ich nicht gern in Zusammenhang mit Kindererziehung lese. Denn auch unsere sogenannte Intuition und der gesunde Menschenverstand ist abhängig von dem, was wir selbst erlebt haben. Das ist keinesfalls überall gleich und ein gemeinsamer Nenner. Aber darauf möchte ich jetzt gar nicht eingehen.

Ein Begriff, der beim Mütter-Abend abschliessend fiel ist die „good enough mother“ – die ausreichend gute Mutter. Dieser Begriff wurde, zwar im Zusammenhang mit Babies, von Donald Winnicott geprägt, lässt sich aber gut auf unser gesamtes Muttersein anwenden: entspannen und die eigenen Ansprüche entwas runterschrauben. Das nimmt uns Druck. Entspannt können wir viel Besser auf die Bedürfnisse unserer Kinder (und von uns selbst) eingehen. Wir alle machen das gut, wie wir es machen. Und wir haben garantiert nichts falsch gemacht, wenn unser Kind nicht gern liest oder Gemüse verabscheut.

8 Gedanken zu „Alles richtig gemacht!?

  1. Interessant, dass Du das so siehst.

    Für mich ist dieser Spruch vor allem ironisch gemeint. Ein Augenzwinkern unter Eltern, denn die meisten wissen doch (hoffentlich), dass es in der Erziehung kein richtig und falsch gibt.

  2. Ich habe diese Kommentare bislang immer eher als schmunzelnd empfunden und absolut nicht vor dem Hintergrund gesehen, daß man auch was falsch machen kann.

    Außerdem ist die Auslegung von ‚richtig‘ in Erziehungsfragen ja eh relativ.

  3. ich sitze hier und irgendwie hallt dein Text noch so in mir nach….ich habe u.A. eine Pflegetochter. Und von richtig ist die Geschichte ihrer Erziehung vielleicht , sehr wahrscheinlich weit entfernt….aber ich merke wie sich alles nur noch darum dreht und ich vor lauter Einfluss von außen, der mir immer wieder suggeriert was für ein Paket mein armes Mädchen mitbringt und wie man das alles wegtherapieren kann, gar nicht mehr unterscheiden kann was bleiben „darf“ weil es eben sie ist und an was wir gemeinsam arbeiten…
    Ich merke wie ich mich, obwohl ich es nicht will, es nicht meine Meinung ist, mich doch wieder am Richtig und Falsch meines Umfelds orientiere und muss mich manchmal regelrecht zwingen, die Vorstellungen anderer nicht auf mein Kind zu übertragen. Ich finde ein Gesellschaftliches Wertesysthem schon wichtig und auch dass sich jeder ein bisschen daran orientiert…aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass es manchmal zu viel ist oder zu wenig…irgendwie zu krass in beide Richtungen. Der Charakter eines Wesens wird einfach vergessen und ignoriert und darf nicht SEIN. Oder?

  4. Dieses “alles richtig gemacht“ kommt bei mir auch etwas komisch an, denn es suggeriert, dass Kinder in ihrem Verhalten und ihren Interessen total beeinflussbar wären. Klar wirkt das Vorbild der Eltern, aber Kinder haben ja auch ihren eigenen Kopf und vieles kommt aus ihnen selbst. Jedenfalls spannend, mal darüber nachzudenken.
    LG, Micha

  5. Ich würde es auch mit einem Augenzwinkern betrachten. Möglicherweise kommt es daher, dass wir die Erziehung oft als anstrengend empfinden, Angst haben falsch zu reagieren, etwas zu übersehen, eben auch dem gesellschaftlichen Umfeld entgegenstehen, wenn wir uns für die Individualität unserer Kinder einsetzen. Also wie du schon schreibst, wenn wir alle bissel lockerer wären… andererseits sich aber auch mehr Eltern mal hinterfragen, sich bewußt machen, das ihre Kinder nicht nur funktionieren müssen oder mit dem ganzen medischen Kram überschüttet werden müssen…. Ein sehr umfassendes Thema, was du da angestoßen hast, ihr hattet sicher eine interessante Diskussion im Elternkreis. Finde ich toll, hätte ich hier auch gern….
    Viele Grüße von Antje

  6. Wenn ich mir meine beiden Kinder anschaue, deren Charakter sehr unterschiedlich ist, dann frage ich mich überhaupt, wieviel eigentlich Erziehung das Kind formt und wieviel es einfach das Kind selbst ist.
    Meine Eltern sagen immer: Man muss nur versuchen so gut wie möglich alles falsch zu machen ;-)
    Viele Grüße,
    Kathrin

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