Barfuss gehen

Barfuss gehen

Im Oktober 2017, also schon über ein Jahr her, da hatte ich eine seelenzentrierte Coaching Session mit Jana. Sie hat mich ja ein ganzes Jahr lang begleitet. Diese eine Session war eine Visionsreise. Ich habe in einer Art geführter Meditation (oder wie auch immer der Fachbegriff dafür ist) mein späteres Ich getroffen. Am Ende der Reise sollte mein Zukunfts-Ich meinem Damals-Ich einen Rat mit auf den Weg geben („Hab keine Angst“). Auf die Frage nach dem nächsten Schritt war die Antwort „Zieh die Schuhe aus“. Barfuß gehen. Ich konnte mir keinen Reim draus machen. Was war die Botschaft hinter dem Schuhe-Ausziehen, was ist die Metapher?

Ein paar offensichtliche Gedanken kamen mir. Pur sein, echt sein, in Kontakt mit der Erde. Ohne Maske, in direkter Verbindung durch das Leben gehen. Es folgten noch spätere Einsichten vom Barfußgehen: wenn ich barfuß gehe trete ich achtsamer auf, bewege mich langsamer und nehme anders wahr.

Auch im Yoga empfehlen wir den SchülerInnen immer wieder, barfuß zu praktizieren. Ohne Socken verbunden mit dem Boden zu sein. Dieser Bodenkontakt sorgt für einen besseren und ungehinderten Energiefluss. In den Füßen befinden sich viele Energiepunkte. Barfuß spürst du dich besser.

Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden.

Letztes Jahr im Dezember fand ich während meines Dienstes beim Bücherflohmarkt in der Schule ein Buch. Ich blätterte und las ein wenig hinein. Und da stand es: „Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden.“ – eine Stelle aus der Bibel am brennenden Dornbusch (2. Mose 3,5) Ich kannte diese Stelle nicht bzw. hatte ich sie nicht mehr mit dem Wortlaut in Erinnerung. Meine JG-Stunden sind schon zu lange her. Mit Interesse las ich natürlich die Interpretation dieses Satzes. Was es bedeutet, wenn wir die Schuhe ausziehen und einen Ort barfuß betreten. David Steindl-Rast schreibt in seinem Buch „Die Achtsamkeit des Herzens„* (Buch7) darüber, wie wir lebendig dastehen, ohne etwas Totes (die Schuhe) zwischen uns und der Erde. Die Schuhe abzustreifen setzt er damit gleich, eine Gewohnheit abzustreifen, wach zu werden für den Ort, wo wir stehen. Und dann zu erkennen, dass wir überall auf heiligem Boden stehen, wo wir die Schuhe ausziehen. Dass überall der heilige Raum ist. Zwischen Töpfen und Pfannen, draussen und drinnen.

„Zieht eure Schuhe aus und erkennt, dass ihr auf heiligem Boden steht; allerorten ist Gottes Tempel.“ (S.28)

Er sagt weiter: „Jeder Ort ist heiliger Boden, denn jeder Ort kann Stätte der Begegnung werden, der Begegnung mit göttlicher Gegenwart. Sobald wir die Schuhe des Daran-Gewöhnt-Seins ausziehen und zum leben erwachen, erkennen wir: Wenn nicht hier, wo sonst? Wann, wenn nicht jetzt?“

Damit bekommt auch nach über einem Jahr, das seit dem Coaching vergangen ist, der Satz eine neue und ergänzende Bedeutung. Ein weiteres Puzzlestück.

Dieser Satz, Zieh die Schuhe aus!, kommt oft als Antwort, wenn ich im Gebet nach dem nächsten Schritt frage. Oft ist er mir zu unkonkret, dann werde ich ungeduldig. Und genau dann ist es wohl an der Zeit, die Schuhe auszuziehen und in Kontakt zu sein.

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7 Gedanken zu „Barfuss gehen

  1. Wow!
    Liebe Ramona,
    so schön zu lesen, wie die Impulse, die aus deiner Tiefe kamen, nach über einem Jahr weiterwirken. Inspiration pur…
    Von Herzen DANKE!
    Jana-Gruß

  2. Auch ich zieh seit sechs Monaten die Schuhe aus.Genau dann,wenn der Stresspegel sehr hoch ist.Meine innere Stimme sagt dann:“Zieh die Schuhe aus!“Eine wunderbare Erdung findet statt.Am Tag,in der Nacht,bei Sturm oder im Regen zieht es mich raus und die Welt ist wieder in Ordnung.

  3. „Den Schuh ziehe ich mir nicht (länger) an…“
    Verantwortung abgeben. Vermeintliche Verpflichtungen sein lassen. Kritik, aufgelastete Bürde, fremde Erwartungen abstreifen. Leichtfüßig werden. Geerdet sein. Den eigenen Weg gehen…
    Um die Ecke gedacht, ergeben sich vielfältige Möglichkeiten.
    Liebe Grüße * Daniela

  4. „Zieh die Schuhe aus,
    die schon so lang dich drücken“

    Angi Domdey, „Unter dem Pflaster liegt der Strand“.

  5. Hallo Ramona,
    ich trage seit fast einem Jahr nur noch Barfussschuhe, weil ich es auch im Alltag nicht mehr anders möchte, und ganz barfuss möchte ich nicht, und ist auf der Arbeit gar nicht möglich.
    Mein Lebensgefühl hat sich verändert.
    Ich finde mich an der Stelle im Text, total wieder, wo du schreibst, dass du langsamer läufst. Manchmal, wenn ich auf der Arbeit wohin unterwegs bin, merke ich, dass mein Gang schief ist, und wenn ich ein wenig langsamer bin, laufe ich gerade. Wäre mir ohne das Barfusslaufen nie aufgefallen (ich trage dort barfussschuhe).
    LG Nadine

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