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Gedankenschnipsel zu meiner Würde

Vor einigen Wochen hatte ich in einer der Sensory Awareness Stunden ein kleines Aha-Erlebnis. Wenn sowas vorkommt, dann bin ich immer sehr beeindruckt, und es klingt dann lange nach. Ich war also während der Stunde damit beschäftigt, wahrzunehmen was in mir ist. Meine Bewegungen, die Schwerkraft und das komplexe Zusammenspiel all meiner Muskeln beim Ausführen von ganz einfachen Tätigkeiten wie den Arm zu heben oder einen Schritt zu machen. Tief aus meinem Becken, ich lag auf dem Rücken am Boden, überkam mich eine ganz neue Gewissheit – richtig körperlich spürbar. Am Ende der Stunde fasste ich es zusammen: Ich spüre da noch so viel Wut und so viel Trauer in mir. Aber auch Würde.

Trauer, Wut und Würde

Wenn ich heute daran denke, dann kann ich dieses Gefühl noch ganz genau in meinem Körper verorten. Würde wird auch als innere Ehre bezeichnet. Die Gewissheit, eine innere Ehre zu besitzen fühlt sich für mich gerade ganz groß und wunderbar an. Dann ändert sich meine Körperhaltung. Wenn ich diese Würde spüre, dann werde ich größer und nach vorn gerichteter, in mir wächst eine Kraft und Stabilität. Mein Blick ist nach vorn gerichtet, mein Stand geerdet und klar. Das finde ich so spannend daran. Wie unser Körper auf unsere Gefühlswelten reagiert (und umgekehrt). Was er alles spiegelt und birgt.

Dieses Trauer-Wut-und-Würde-Gefühl spüre ich dieser Tage sehr präsent in mir. Ich erkunde es interessiert. Wie fühlen sich die einzelnen Facetten an. Was macht die Trauer, was die Wut und wo finde ich die Würde. Wie wirken sich diese Gefühle und Lebensthemen auf meinen Alltag aus, auf meine Entscheidungen und meine Gedanken? Wo lasse ich mir Dinge gefallen, die meinen Grundwerten widersprechen? Wie kann ich mich dem entgegenstellen ohne in aktiven Widerstand zu gehen? Wie kann ich (auch altem) Schmerz begegnen? Wir kann ich ein Nein oder ein Ja in mir mit einer sehr viel klareren Haltung kommunikzieren?

Würde (von althochdeutsch wirdî; mittelhochdeutsch wirde) ist sprachgeschichtlich verwandt mit dem Wort „Wert“. (Wikipedia). Ich bin wertvoll, ich habe einen Wert, ich bin mir etwas wert. Ich bin die Königin meines Lebens. Dieses theoretische Wissen als spürbare körperliche Erfahrung zu erleben und abrufen zu können ist für mich gerade so wichtig.

Nein sagen. Ja zu mir.

Passend dazu las ich gerade heute in meiner aktuellen Lektüre „Die Jesus Revolution. Was passiert, wenn wir Ihn beim Wort nehmen“ von Shaine Clairborne und Tony Campolo (Teil III, Kapitel 2, S. 186) folgenden Text:

„Wenn dir jemand eine Ohrfeige gibt, wende dich der Person zu und schau ihr in die Augen. Wende dich nicht ab und schlag nicht zurück. Sorge dafür, dass er dir in die Augen schaut und deine geheiligte Menschlichkeit sieht, und es wir immer schwerer für ihn werden, dich zu verletzen.“

Geheiligte Menschlichkeit. Genau das! (Ich glaube, die Ohrfeige dürfen wir gern als Metapher betrachten. Es geht hier nicht nur um physische Gewalt, sondern auch um die Verletzung mit Worten und Taten.) Dafür brauche ich das Gefühl der Würde. Und Mut. Ich glaube aber, in dem Moment, wo ich mir meiner Würde wirklich bewusst bin, da folgt auch der Mut, dafür einzustehen.

Fotocredit: Michaela Seifert


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Ein Kommentar

  • sternenglück

    Liebe Ramona,
    Dein Gefühl der Würde klingt ganz wunderbar. Und das Zitat gibt mir gerade einen neuen Denkanstoß: Ich habe gerade immer wieder Auseinandersetzungen mit meinem wütenden Kind und merke, die Wut hat mit der aktuellen Situation aber auch mit einem Mangel an Aufmerksamkeit zu tun. Vielleicht hilft es in diesen angespannten Situationen den Blickkontakt zu suchen und den Streit dadurch aufzulösen. Ich werde es ausprobieren.
    Alles Liebe für euch
    Sternie

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