Liebe A.

Liebe A.

meine Gedanken schweifen immer mal wieder zu dir. Ich frage mich, was du machst und wie es dir jetzt geht. Du willst Kunst studieren oder dich vielleicht in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bewerben. Das erzählst du mir bei unserem letzten Treffen, während du mir meine Haare schneidest. Das Treffen ist schön, aber auch ein bisschen befremdlich. Wir hatten einen lange Pause seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wir tasten beide vorsichtig nach dieser Verbindung, suchen nach gemeinsamen Themen. Du lebst mit deiner Freundin zusammen, zeigst mir Kunst und Comics. Du hast dich verändert. In meinem Tagebuch schreibe ich: „Wir haben uns seit 3 Jahren nicht mehr gesehen. A. ist ernster geworden. Und ihre Haare sind lang. Sie hat ein Gemälde von Tamara de Lempica auf den Oberarm tätowiert.“ Ich himmle dich immer noch an und finde dich ziemlich cool. Du gibst mir deine Email und Telefonnummer als ich gehe. Aber der Kontakt reisst ab.

mit 20Es war eine ziemlich schräge Situation, wie wir uns kennengelernt haben. Ich war inmitten von zwei Beziehungen. Mit einem Fuß raus aus der einen, mit dem anderen Fuß schon fast drin in der anderen. Aber eigentlich hauptsächlich auf der Suche nach mir selbst. Ich wollte überhaupt keinen Beziehungskram. Ich wollte frei sein und an niemanden gebunden. Und dann kamst du mitten in dieses Gefühlschaos hinein. Du hast mich auf einem Konzert in der Alten Kaffeerösterei in Plauen gesehen. 1998.  Ich war dir aufgefallen mit meinen kurzgeschorenen Haaren und der Schiebermütze. Du hast immer wieder meinen Blick gesucht. Als ich aufbrach, nach Hause zu gehen, spürte ich, daß du mir nach gingst. Ich war schon die ganze Strasse herunter gegangen. Ich hörte, wie du laut fluchtest. Über verpasste Chancen. Ich wusste, du meintest mich. Ich hielt an und drehte mich um. Wir blickten uns aus der Ferne an. Dann ging ich langsam zurück. Wir trafen uns und kamen ins Gespräch. Wie man halt spricht, wenn man ein bisschen zuviel getrunken hat und man nicht mehr so viel drüber nachdenkt, was die andere von einem denkt. Ich habe die Situation noch genau vor Augen. Wir standen am Strassenrand, ich sah den Gulli unterm Bordstein. Es war novemberkalt und dunkel.
Dann kamen deine Freunde im Auto. Sie wollten nach Hause fahren und suchten dich schon. Wir wollten Telefonnummern tauschen, hatten aber keinen Stift. Ich sagte dir meine, du wolltest sie dir merken. Im Auto, so erzähltest du mir später, musste sich jeder deiner Freunde einen Teil meiner Nummer merken.
Ich war an diesem Abend sehr aufgewühlt. Die Tage danach belauerte ich mein Telefon. Ob du anrufen würdest? Konntest du dir meine Nummer merken? Du konntest. Und du hast angerufen!

aWir haben uns dann immer wieder getroffen, tiefe und lustige Gespräche geführt, geliebt und philosophiert. Wir haben gemeinsam Ausstellungen besucht und sind in die 20er Jahre abgetaucht. Wir haben Kunstbände angeschaut und Fotos von Man Ray angeschmachtet. Wir haben daran angelehnt Fotos für meine Fotografie-Abschlussarbeit gemacht. Und immer war da dein warmes Lachen und dein Witz. Später sind wir weggezogen. Du hast eine Ausbildung als Friseurin begonnen, ich mein Studium. Unser Kontakt wurde weniger, aber nicht weniger herzlich. Ich besuchte dich in deiner kleinen Hotelwohnung in Nürnberg, lernte deinen Ausbildungssalon kennen und besuchte Ausstellungen mit dir. Für meine Hochzeit hast du mir meine Haare gemacht. Ich war froh, dich an diesem Tag auch dabei zu haben. Wir haben zusammen geraucht und den letzten Tanz der Hochzeitsnacht getanzt – Biene Maja! Es hat so Spaß gemacht mit dir. Nach der Hochzeit verlor sich unser Kontakt. Wir trafen uns noch ein zwei Mal. Ich hatte das Gefühl, daß du verletzt warst von meiner Entscheidung zu heiraten. Aber ich weiß es nicht. Das ist nur eine Vermutung. Danach war nichts mehr wie es mal war. Vielleicht ist es aber auch einfach so, daß ein Abschnitt im Leben auch mal zu Ende ist und es Zeit wird, loszulassen. Freunde loslassen – das konnte ich noch nie gut.

Immer wieder suche ich dich im Internet. Ich finde heraus, daß du mittlerweile in Wien lebst und Kunst studiert hast. Daß du Ausstellungen hattest und politisch aktiv bist. Aber ich weiss nicht, wie ich dich kontaktieren soll. Und wozu überhaupt. Letztes Jahr beschliesse ich, deiner Mutter eine Weihnachtskarte zu schreiben und dir viele Grüße ausrichten zu lassen. Ich mochte deine Mutter immer gern. Sie hat den gleichen Vornamen wie ich. Der beschriftete Umschlag liegt noch auf meinem Schreibtisch. Ich habe die Karte nicht geschrieben. Ich habe neulich wieder nach dir gesucht. Und einen Nachruf gefunden. Du hast dir im Februar das Leben genommen. Obwohl wir uns aus den Augen verloren haben – oder gerade weil? – nimmt mich das sehr mit. Wie verzweifelt musstest du sein, dein Leben selbst zu beenden? Ich trauere, ich weine und gehe immer wieder zu dem Platz in meinem Herzen, der dir gehört, wo du noch immer wohnst. Ich werde nie mehr Tamara de Lempicka anschauen können, ohne an dich zu denken.

Ich hoffe, du hast es schön da, wo du jetzt bist.

13 Gedanken zu „Liebe A.

  1. Ich habe beim Lesen gelächelt, gefühlt und am Ende einen ganz dicken Kloß im Hals.
    Ich schicke dir eine liebe Umarmung. Alles andere hört sich falsch an.

  2. Aber niemand kann davon
    Es sind nur Flügel aus Beton
    Und wär die Schwerkraft nicht
    Dann fänd ich dich
    Wo auch immer du jetzt bist
    Und mich auf deine Art vermisst

    Und dann ständ ich plötzlich da
    Weißt du, vielleicht wär alles klar
    In einem neuen Licht
    Ich weiß es nicht

    Wo auch immer du jetzt bist
    Und wo auch immer du jetzt bist

    (Max Prosa/Flügel)

    …das lied kam mir in den sinn beim lesen. vielleicht tröstet es dich.

  3. .
    ich könnte oder kann eine ähnliche Geschichte erzählen, mit einem anderen Ende meine ich. Es sind Menschen, die uns begegnen, die uns berühren, beschäftigen, die Zeit mit uns teilen und Wege mit uns gehen… bis sich Wege trennen, sich nur noch an Kreuzungen berühren. Ich ging in deinem Text deinen Weg mit, war gespannt, begeistert, habe mich mit gefreut und jetzt sitze ich hier und heule. Fühl dich umarmt… wenn du magst

    irka

  4. Freuden sind Geschenke des Schicksals die ihren Wert in der Gegenwart erweisen, Leiden dagegen sind Quellen der Erkenntnis deren Bedeutung sich in der Zukunft zeigt.

  5. Das Ende traf mich unvorbereitet. Dich wahrscheinlich auch als du davon erfahren hast.
    „Und ich fühle dieser Schmerzen, tief im Herzen, heimlich bildende Gewalt.“ (ich glaube, das ist ein Goethe-Zitat)

  6. Das ist sehr, sehr berührend und auch traurig. Mögest Du umarmt sein von den schönen und innigen Erinnerungen an Deine Freundin und vor allem von den Menschen um Dich herum.

  7. Lieber Mensch – mein Deutsch ist nicht so gut…aber ich möchte dir sagen das dies das leben ist und das ich dich Liebe, Licht und Wárme wünsche…auch für deine A. Where-ever she might be I hope it is in peace and light!!!

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