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Streitbar sein

Neulich sah ich auf Instagram einen kurzen Teaser von Hermann Scherer, wo er über Positionierung gesprochen hat. Die wichtigste Aussage war: „Was will dein Herz?“ dicht gefolgt und natürlich daraus gewachsen: „Was ist die Botschaft?“. Ganz zum Schluss gab er noch den Gedankenanstoss: „Ist es streitbar?“.

Am Wochenende hatte ich ein Gespräch in eine ähnliche Kerbe. Darüber, eine Haltung zu haben und auch mal unbequem zu sein. Darüber, wie wir anderen die Chance nehmen zu wachsen, wenn wir immer nur alles weichgespült haben (es ging ums Unterrichten). Ich fand, das waren zwei sehr interessante Impulse. Ganz oft ist mir nämlich schon aufgefallen, dass ich mich weichgespült durch die Welt begebe. Keine Statements mache und mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne. Im Gespräch konnte ich erkennen, warum das eigentlich so ist. Warum ereifere ich mich nicht (mehr) über Erziehungsmethoden und Ernährung, über Impfthemen und Lebensstile? Warum beziehe ich keine Postion und mache mich angreifbar und streitbar?

Harmoniebedürfnis und Angst?

Man könnte meinen, dass ich besonders harmoniebedürftig bin oder Angst vor Konfrontation habe. Da mag vielleicht etwas dran sein. Ich will gemocht werden. Der Hauptgrund ist aber, dass ich mich weiterentwickle und meine Meinung auch ändere. Wo ich früher ganz überzeugt von Attachment Parenting war und mich in der Unerzogen Szene herumtrieb, habe ich heute eine ganz andere Ansicht von dem, was es als Eltern braucht. Darüber, was ich heute sage, kann ich morgen schon ein ganz anderes Bild haben. Weil ich dazu gelernt habe, weil ich mich weiterentwickelt habe, weil ich überzeugt wurde, weil ich andere Erfahrungen gemacht habe, weil etwas doch nicht so war, wie ich dachte. Passiert mir ganz oft.

Es schwingt so viel mit, rauszugehen und ein Statement abzugeben. Was denken die anderen von mir? (wird zum Glück immer unwichtiger). In welchem Licht möchte ich mich gern sehen oder werde ich womöglich wahrgenommen? Was ist, wenn ich die Sache gar nicht umrissen habe und totalen Bullshit erzähle und mich blamiere? Oder tatsächlich meine Meinung schon morgen eine ganz andere ist?

Du siehst, gar nicht so einfach, das mit der Position. Ich werde das aber mal üben. Vielleicht tut mir das ganz gut, mal bisschen rauszukommen. Aus mir selber. Ich werde meine Statements mal bisschen genauer beobachten (auch dahingehend, ob es einen Unterschied zwischen online und offline gibt oder welchen Menschen gegenüber ich mich äußere).

Wer bin ich, was sagt mein Herz und was ist meine Botschaft.

{Das Titelfoto ist eine Gemeinschaftsarbeit aus dem Kalligrafiekurs bei Sigrid Artmann.}

4 Kommentare

  • Barbara Karl

    Liebe Ramona!

    Einige Dinge, die du erwähnst, sind mir auch in letzter Zeit besonders aufgefallen – vielleicht diese „neue Lebsnabschnittssache“?
    Ganz im Besonderen beobachte ich mich selbst, wie ich im Zweiergespräch und in der Gruppe meine Meinung äußere.
    Ganz lustig ist, dass ich mir die Position der „weisen“(hihi) Frau bereits durchaus zugestehe, was zum Beispiel bedeutet, dass ich manchmal ganz bewußt ganz hübsch „frech“ bin und mir nicht mehr sehr viele „Blätter vor den Mund nehme“. Allerdings bemühe ich mich, niemanden zu kränken (zumindestens nicht zu sehr) – ich fühle mich recht befreit und auf der anderen Seite merke ich, wie Kollegen und Kolleginnen und verschiedenen MitstreiternInnen und auch meinen Kindern meine Ehrlichkeit (vielleicht besser „neue Direktheit“) recht gut tut, weil sie sozusagen wissen, woran sie sind. Und es macht mir wenig, wenn mich jemand nicht so findet, wie ich es gerne hätte. Oftmals hat es sich gezeigt, dass ich gut zum Nachdenken anregen kann und dann nach einer Nachdenkmöglichkeit beim Anderen nahezu erstaunliche Reaktionen hervorrufe. Manchmal – nicht immer, klar. Und ich darf meine Meinung ändern – nach guter Prüfung und Erfahrungen fällt es einem manchmal wie Schuppen von den Augen. So lange man kein Wendehals ist, ist das doch auch viel glaubhafter….
    Ma, soviel wollt‘ ich ja gar nicht schreiben! Liebe Grüßleins von mir zu dir, deine Barbara

  • Mathilda

    Ein weiterer Aspekt, der für das Mundaufmachen spricht ist, dass man auch korrigiert werden kann. Klar ist es vielleicht nicht immer schön, wenn man munter seine Meinung äußert und sie gleich wieder revidieren musss. Dann fühlt man sich bisweilen doof. Aber so lernt man. Schneller, als wenn man alle Zeitungen, Zeitschriften usw. selbst lesen müsste, um sich eine von allen Seiten beleuchtete Meinung zu bilden. Das geht doch auch gar nicht. Insofern teilt man bei Diskussionen sein Wissen. Wir müssen nur noch lernen, dass nicht die dumm ist, die eine Meinung hat, sondern die, die sich weigert, sie hinterfragen zu lassen und die nicht bereit ist, sich Denkfehler oder Wissenslücken zuzugestehen. Finde ich. LG!

  • Ellie

    Ich wäre sehr gespannt, einen Artikel über die Entwicklung deiner Haltung zu Erziehung/was Kinder brauchen zu lesen, falls du das teilen möchtest :) Solche Entwicklungen finde ich vieles spannender als starre Ansichten.

  • Jademond

    Ha! So einer brütet schon ewig in mir herum. Danke für den Anstoß. Ich arbeite dran.

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