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Vom Annehmen

In meiner Kindheit lebten wir mit meiner Oma zusammen in einem Haus. Meine Oma war blind. Sie erblindete im Laufe der Jahre. Als Kind hat sie mich noch gesehen, später konnte sie nur noch Hell und Dunkel unterscheiden, irgendwann waren ihre Tage nur noch Schwarz. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Ich war Mittagessen in der Kantine der Fabrik gegenüber holen, ich liess mir Geschichten von früher erzählen und lernte Blindenschrift.
Meine Oma wurde älter, stürzte die Treppe, zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Diverse andere Gebrechlichkeiten kamen hinzu. Die Dinge liefen nicht mehr so gut. Meine Mama begann, sie zu pflegen bis sie selbst nicht mehr konnte und dann ein Pflegedienst einsprang. Mit 96 Jahren ist sie gestorben.

Was mir in all der Zeit besonders auffiel: wie schwer es meiner Oma fiel, die Hilfe die sie bekam anzunehmen. Jahrelang war sie die Macherin. Mutter von 4 Kindern. Durch den Krieg hindurch. Selber machen, Versorgen, Schaffen. Um Hilfe bitten wird oft, auch in unserer Gesellschaft noch, als Schwäche angesehen. Ich kenne ganz viele Menschen, die nicht Annehmen können. Keine Hilfe, keine Geschenke, keine Komplimente. Ob aus Bescheidenheit oder Unsicherheit. Ich weiss es gar nicht.
Ich konnte es auch jahrelang nicht. Hat mir jemand Geld geschenkt, dann habe ich es mit einem „ach, das war doch nicht nötig“ abgetan. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Diese Pflegesituation mit meiner Oma hat mir deutlich gezeigt, daß ich lernen möchte, anzunehmen,. Damit ich es später im Alter dann kann. Damit ich dankbar sein und mich darüber freuen kann, wenn sich jemand um mich kümmert.
Deshalb übe ich schon seit einigen Jahren das Annehmen und auch das gezielt um Hilfe bitten, ohne es als Schwäche zu empfinden. Denn eigentlich ist es doch eine Stärke, seine eignen Grenzen zu kennen und sie nicht zu überschreiten (dabei meine ich jetzt nicht das gelegentliche Grenzen überschreiten, um aus der eignen Komfort-Zone rauszukommen und sich weiterzuentwickeltn, sondern das mir schadende Grenzüberschreiten, weil ich Dinge tue, die mich überfordern oder mir nicht gut tun.) Es ist immer noch ein Lernprozess und fällt mir nicht leicht. Denn auch ich nehme die Dinge gern selbst in die Hand. Aber Annehmen hat auch etwas mit Loslassen und Vertrauen zu tun. Vertrauen, daß die Dinge auch ohne meine Kontrolle gut laufen werden. Vertrauen, daß jemand, der mir etwas schenkt, das tut, weil er es möchte und mich wertschätzt. Daß ich es wert bin.

Wie geht es dir, wenn dir jemand Hilfe/Geschenke/Geld/Dank anbietet? Kannst du das gut annehmen? Kannst du gut um Hilfe bitten? Wie geht es dir damit?

7 Kommentare

  • Ibrauchnix

    Grad‘ krieg ich hier den Koller!
    Meine Mutter U N M Ö G L I C H !
    Aaaalso, wir waren Kinder, es gab‘ ’ne Party und liebe Freunde meiner Eltern brachten UNS KINDERN etwas mit. Wir Kinder strahlten, meine Mutter sagte: “ Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen!“
    WIR fanden das schon SEHR nötig und keinesfalls UNNÖTIG – so oft gab‘ es nämlich keinen Süßkram der ausschließlich unserer VERWALTUNG überlassen war (okay, die Verwaltung fiel meist recht kurz aus… ;) ) damals habe ich mir GESCHWOREN: „Das sagst Du NIE NIE NIE NIEEEEEE!!!“

    Na klar, hab’s gesagt und mir wirklich beim ersten Mal auf die Zunge gebissen: „Wer bin ich denn, daß ICH entscheiden könnte, was ein ANDERER für nötig hält!“ Geschämt habe ich mich über meine Überheblichkeit! Das ist jetzt gut 30 Jahre her und letzten Sommer wurde ich schwer geprüft:

    Wir lernen auf dem Campingplatz Oma & Opa Bretagne kennen, die Kinder sind Fans, sie sind Fans der Kinder – wir sind auch bald Fans und unterhalten uns viel – über Leben & Tod. Kurz vor deren Abreise bekommen die Kinder zwei silberne Anhänger geschenkt, mir blieb fast die Luft weg; ich hab‘ schon gerechnet, aber dann gedacht: „Mit über 65 werden die zwei schon wissen, was sie tun!“ Und ja, sie wussten es: unseren Kindern eine WAHNSINNIGE Freude bereiten – das war nötig ;) TOLL!!

    …neneee, die Story ist noch nicht zu Ende. Letzter Tag, es gibt noch ein Abschiedsgeschenk: Schokolade & damit die Eltern es nicht sehen, noch ein Scheinchen drunter versteckt. Da war es wieder, das sch…Gefühl was man mir beigebracht hat! Aber bei einem 20er PRO Kind und Schokolade aus dem Spezialitätenladen kann man doch schon mal schlucken, oder!? Die Kinder waren sehr sehr happy und das ist ja wohl NIEMALS NICHT NÖTIG – oder!? Hinterher war ich richtig stolz auf mich, daß ich das so annehmen und mcih mitfreuen konnte, klar, gefühlt hab‘ ich mich schon irgendwie „verantwortlich“, aber das war nur ein Reflex, eine gelernte Sch…Reaktion…

    Meine Antwort auf den „daswärejetztabernichtnötigSatz“ lautet immer: „Doch, find‘ ich schon.“

  • Birgit

    Annehmen können ist sicher wichtig, Genauso wichtig finde ich aber auch, dass die Geschenke ‚frei‘ gegeben werden: ohne Bindung, ohne Wunsch nach Gegenleistung. Wie viele Leute in unserem Alter nehmen ständig Geld der Eltern/Schwiegereltern an und lassen sich dadurch binden. Auch die Geschenke für meine Kinder freuten mich nur, wenn sie ohne Wunsch nach Achtung (dein Opa ist schon ein ganz Toller), nach Übertrumpfen (wir sind doch die besseren Großeltern) oder nach Gegeneistung (dafür besucht ihr uns aber ganz oft) – meistens nicht ausgesprochen, sondern eher so unterschwellig- gemacht wurden.

    Birgit

  • Petra

    Oha, das ist ein Thema, über das ich mir schon mehr als einen Gedanken gemacht habe!
    Auch ich bin mit diesen Sätzchen (sind es wirklich Floskeln?) wie z.B. „Das wär doch nicht nötig gewesen!“ aufgewachsen und war von ihnen genervt…
    Allerdings merke ich, je älter ich werde, dass diese Sätzchen viel mehr Unausgesprochenes beinhalten als sie eins zu eins aussagen.
    Ein Nehmen ist meines Erachtens ebenso wichtig wie ein Geben, ein Erzählen ebenso wichtig wie ein Zuhören. Leider habe ich zunehmend den Eindruck, dass bei vielen das ein oder das andere besonders stark ausgeprägt ist und dass ein Ungleichgewicht dieser Fähigkeiten beim Gegenüber oft eine große Unzufriedenheit bewirkt.
    Man kann das Sätzchen „Das wäre aber nicht nötig gewesen!“ doch auch positiv interpretieren.
    „Das wäre doch nicht nötig gewesen, denn ich freue mich so über deinen Besuch, dass er mir schon Geschenk genug ist!“ oder
    „Das wäre doch nicht nötig gewesen, aber ich freue mich dennoch, dass du mit deiner kleinen Gabe Freude, Dankbarkeit, Wertschätzung oder Ähnliches ausdrücken möchtest!“
    Sicher sollte man die Fähigkeit besitzen, etwas annehmen zu können, ohne sich gleich Gedanken darüber zu machen, wie man sich evtl. für das Überbrachte revanchieren kann oder ob die Gabe angemessen in Relation zum Anlass ist.
    Es gibt aber auch Menschen, die eindeutig stark ausgeprägte Nehmerqualität besitzen, die sich so gut wie nie angesprochen fühlen, wenn es darum geht, durch eine Spende und/oder ein bisschen Engagement zum Gelingen eines Projektes beizutragen, die grundsätzlich durch Abwesenheit glänzen oder „wichtige, unaufschiebbare“ Termine haben, wenn Hilfe benötigt wird.
    Ich habe mich bewusst entschieden, mich weiterhin zu bemühen, mich mit kleinen Gesten, für Einladungen und Hilfeleistungen zu bedanken oder durch sie, zu besonderen oder alltäglichen Gelegenheiten kleine Freuden zu bereiten. Ebenso hoffe ich, dass ich es früh genug bemerke, wenn ich zu rededominant meine Mitmenschen „an die Wand quatsche“ und es versäume auch ihnen die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die sie sich erhoffen und benötigen.
    Ich freu mich, wenn ich um Hilfe gebeten werde, wenn diese tatsächlich vonnöten ist, weil ich es als Vertrauensbeweis empfinde und bin froh, dass auch ich mich, in Ausnahmesituationen, an liebe Menschen wenden kann, die mir helfen. Aber auch hier halte ich es für wichtig, dass der/die Helfende merkt, dass es anerkannt und wertgeschätzt wird, dass er/sie Zeit und Energie aufwendet, die im Normalfall zur Erhaltung der eigenen „Work-Life-Balance“ benötigt wird.
    Auch eine materielle Unterstützung sollte nach meinem Empfinden nur dann erbeten werden, wenn sie wirklich dringend benötigt wird.
    Ein Schauspieler, der sich der Medien bedient, um um zahlreiche Spenden zur Erhaltung seines schönen Hauses in München-Grünwald zu bitten, finde ich gelinde gesagt einfach nur peinlich, wenn man weiß, dass viele gemeinnützige Einrichtungen um’s Überleben kämpfen müssen, wenn eine ausreichende Spendenfinanzierung ausbleibt (z.B. für Kinderhospize) und diese nicht ihren Bekanntheitsgrad als „Publikumsjoker“ einsetzen können.
    Wie immer gibt es zwei Seiten der Medaille und die Kunst ist es, bei dem Bemühen um das eine, das andere nicht ganz aus den Augen zu verlieren.
    Herzliche Grüße und besten Dank für den Impuls
    Petra

  • Sarah

    Mir fiel das auch immer sehr schwer. Geben? Jemandem helfen? Sich für andere aufopfern? Kein Problem!
    Aber um Hilfe bitten und Schwäche zeigen – ja, das war in unserer Familie eben eine SCHWÄCHE. Das ging garnicht. Und dabei ist es so schön, etwas zu bekommen, oder?
    Vielleicht ist unsere Gesellschaft einfach so aufgebaut: Du musst alles allein können, jeder muss für sich kämpfen und etwas erreichen, erfolgreich sein, sich mit anderen messen – besser sein, mehr verdienen, mehr besitzen. Ich sehe dahingehend schon eine starke Tendenz. Gemeinschaft, miteinander teilen, was da ist, schauen, dass für alle gesorgt ist – diese Werte gehen immer mehr verloren (kommen andererseits aber auch wieder mehr in den Fokus, hab ich grad das GEfühl).

    Inzwischen bekomme ich gern, und kann auch ganz gut annehmen. Ja, aber wie Birgit schreibt: ohne Gegenerwartung. Manchmal spürt man schon, ob etwas einfach so von Herzen kommt, oder ob der andere eine ARt Pflichtgefühl erfüllt (durch seine Hilfe), oder dafür besonders gern gemocht werden will, oder besser dastehen möchte. Jenachdem.

    Manchmal ertappe ich mich aber trotzdem noch dabei, dass ich eine Art schlechtes Gewissen bekomme, wenn mir jemand anderes etwas gibt. So leihe ich mir ab und an z.B. ein Auto oder meine Kinder werden von anderen Eltern mit zur Schule genommen. Am Anfang fand ich es garnicht so leicht, das anzunehmen. ;-)

    Ich wünsch Dir alles Gute auf Deinem Weg,
    liebe Grüße,
    Sarah

  • Ev

    Liebe Ramona,

    ich kenne sehr, sehr gut, was Du da beschreibst. Geben? Ja, klar, jederzeit, selbstverständlich! Annehmen? Nein, bloß nicht, überflüssig, nicht nötig, schlechtes Gewissen! Bis, ja bis mir mal jemand sehr drastisch erklärte, was es für den Gebenden bedeutet, wenn das, was er gibt, so zurückgewiesen, überflüssig gemacht und klein geredet wird: Ein schlechtes Gefühl, Frustration und Erniedrigung.

    Und seitdem bemühe ich mich jedes Mal, diese Impulse zu unterdrücken, dieses warme Gefühl in mich hineinfallen zu lassen und es dann wieder heraus zu heben: Mit einem Lächeln, mit einer herzlichen Umarmung, mit Freude und einem ehrlichen „Danke“ – und das Schöne seitdem ist: Selber zu Geben, macht so noch mehr Freude.

    Vielen Dank Dir für diesen schönen und anregenden Beitrag!

    Liebe Grüße, Ev

  • M.

    Oh ja, was für ein wichtiger Beitrag von dir, danke Ramona.
    Ich neige selbst manchmal dazu, bei einem „guten Rat“ (zum Beispiel „du tanzt auf so vielen Hochzeiten, lass doch mal was weg“) zu denken „Nein, jetzt erst recht nicht“. Ich packe das. Hahaha.
    Häufig merkt eben das Umfeld eher als man selbst, was einem gut tut.

    Oder beim Babysitten. Wie viel ist okay? Wenn ich auf einen Anderthalbjährigen aufpasse, von 17 – 22 Uhr, dann schläft er von den 5 Stunden schon mal 3. Mir fällt es schwer, dafür dann auch die 6 Euro/ Stunde anzunehmen, obwohl ich weiß, dass das relativ wenig ist (im Vergleich mit anderen Babysittern). Aber ich esse mit ihm zusammen Abendbrot und kann die drei Stunden, wenn er schläft, gut für mich nutzen.
    Babysitterlöhne sind eh sone Sache… sooo schwierig. Pro Kind mehr? Um wie viel? Tagsüber? Nachts?

    Wenn mir Verwandte was zustecken, nehme ich es mittlerweile dankend an.
    Aber wenn ich unerwartet doch etwas von irgendwem geschenkt bekomme, habe ich schon das Gefühl, mich „revanchieren“ zu müssen.

    Oh, ich sollte auch ein bisschen besser das Annehmen üben…
    Viele Grüße, M.

  • Winnie

    Meine Oma ist auch ein solches Exemplar, … nie fragt sie nach Hilfe und ich muss mich ihr regelrecht aufzwingen, …. sehr traurig. Vor allem, da wir 300 km weit weg wohnen und es nun auch meinem Opa nicht gut geht, … alles verworren.
    In den letzten Jahren habe ich (vielleicht zu) viel um Hilfe gefragt, aber dann mit jeder Hilfestellung meinten alle, dass sie auch jetzt ein Mitspracherecht haben, was meine Belange angeht und das war so nicht gemeint, … es ist sehr schwierig sich selbst auch mal vorne stehen zu sehen, … geben ist da einfacher, finde ich. Annehmen ist schwer – vielleicht liegt es daran, dass heutzutage niemandem etwas geschenkt wird

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