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gelesen :: Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht

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Neulich, als ich in der Bibliothek war, hüpfte zufällig das Buch Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht, Gelassen durch stürmische Zeiten von Jesper Juul in meinen Ausleihstapel. Pubertät. Da bewegen wir uns gerade hin mit dem Tochtermädchen. Da wollte ich mal lesen, was Herr Juul dazu zu sagen hat. Und schon die ersten paar Seiten ernteten Zustimmung, vorallem einer der ersten Abschnitte, in dem er schreibt:

„Zunächst möchte ich etwas Allgemeines zum Verhältnis vieler Eltern zur Pubertät sagen. Wohl um keinen anderen Entwicklungsschritt im Leben eines Kindes ranken sich so viele Mythen und Problematisierungen. Es scheint fast so, als würden wir in unserer Kultur gar nicht genug davon bekommen, eine Periode zu bejammern und zu problematisieren, die in anderen Kulturen als freudige Begebenheit im Leben eines Kindes und seiner Familie begrüßt wird.“

Das klingt in mir noch lange nach. Denn ja, wenn es mal anstrengend ist, dann kommen ganz oft so Sätze wie: „Was soll das erst werden, wenn die mal 16 ist…“ usw. Das macht dann immer ganz sauer. Klar, es ist eine Phase des Umbaus, des Wachstums. Aber es ist doch nie das Kind das Problem, sondern eine Sache des Miteinanders und der Beziehung, die wir zueinander haben. Und genau das stellt Juul auch klar in seinem Buch heraus. In erster Linie spricht er über Vertrauen. In der Pubertät ist die Zeit, sich zurückzulehnen und zu schauen, welch wunderbare Menschen aus unserer Familie herangewachsen sind auf dem Grundstein, den wir durch unsere Erziehung, durch unser Miteinander gelegt haben. Er schlägt vor, jetzt die Rolle des Erziehers abzulegen und für den Jugendlichen zum Sparringpartner zu werden. Das heisst in erster Linie auch Loslassen und Vertrauen. Darauf vertrauen, daß die Kinder ihren Weg gehen und zu jeder Zeit das Beste mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln machen. Das heisst auch, daß die Jugendlichen sich aktiv darum bemühen werden, ihr Verhältnis zu Alkohol, Drogen, Verliebtheit und Sex zu klären.

Juul schreibt im Buch auch über Regeln und Strafen und deren Funktion und Wirkung.

„Sie können natürlich auch eine Strafe verhängen, doch sollten Sie wissen, daß Strafen aüßerst selten einen konstruktiven Effekt haben. In der Regel wirken sie sich destruktiv auf das Kind und die Beziehung aus.“

In zahlreichen Briefen und aufgeschriebenen Gesprächen erläutert er bestimmte Problemsituationen (Schule, Alkohol, Grenzen etc) und geht dabei immer auf beide Seiten (Eltern, Jugendliche) ein. Er zeigt, wie wichtig es ist, offen miteinander zu sein, Gefühle und Verletzungen zu zeigen, aber auch Ansichten und Wertvorstellungen zu überdenken. Konflikte sollen als Geschenke und Herausforderung betrachtet werden. So kann man aneinander wachsen und den Kindern in dieser Lebensphase den Rücken stärken.

Ich fand das Buch sehr bereichernd. Die Dinge, die Juul da schreibt sind mir nicht neu und entsprechen auch meiner bisherigen Überzeugung. Es war aber schön, das nochmal zusammengefasst zu lesen. Ich kann mir vorstellen, daß ich das Buch in einer schwierigen Zeit sicher nochmal zu Hand nehmen und durchblättern werde. Und bestimmt entdecke ich dann noch mehr erwähnenswerte Themen und Gedanken.

7 Kommentare

  • Katharina

    Das klingt sehr interessant! Ich finde die täglichen Impulse auf meinem Jesper Juul Abreißkalender auch immer so stärkend. Es geht wohl darum, den gegenseitigen Respekt und eine vertraute Gesprächsbasis zu bewahren. Etwas, was schon früh in Schieflage geraten kann, glaube ich. Nun, wir werden „die Rechnung“ in 8-10 Jahren präsentiert bekommen… :-)
    Danke für die Rezension!
    Alles Liebe, Katharina

  • Isla

    Ja, ich denke auch, dass Vertrauen und eine gute Bindung die Zeit erleichtert. Meine Tochter wird dieses Jahr 12, und ich merke, dass sie immer wieder Momente mit mir sucht, wo wir einfach ‚quatschen‘ können. Ich hoffe einfach, dass das so bleibt. :-) Ich war während meiner Pubertät sehr dankbar, dass meine Mutter einfach für mich da war. Wir haben oft nachmittags zusammen Kaffee getrunken, während sie strickte und ich redete. Oder wir sind mit dem Hund spazieren oder eine Extrarunde mit dem Auto gefahren. Meine Mutter war einfach da, und hatte nur wenige Erwartungen, hat uns einfach machen lassen. Dadurch hatten wir nicht das Gefühl, uns gewaltsam lösen, oder sogar provozieren oder ausflippen zu müssen. Meine Pubertät war eine ruhige Zeit – und ich erinnere mich immer wieder gern an die Nähe, die ich zu meiner Mutter haben konnte. Ich möchte das gern so weiter tragen. :-)
    Vielleicht hat meine Bücherei das Buch von Jesper Juul ja auch. Würd ich gern mal reinlesen.

  • Susann

    Wießt Du, ich habe beim Lesen Deines Blogs immer en Eindruck, dass das Verhältnis zu Deinen Kindern auf so guten, richtigen Grundlagen steht, dass da einfach ein großes beiderseitiges Vertrauen, Ernstnehmen und Wohlwollen herrscht. Ich denke da an die „Mädchen spezial“, z. B., oder wie oft Du darüber nachdenkst, was Deine Tochter jetzt braucht, und auch von Dir braucht.
    Das ist so eine Haltung, ich denke, die kann man auch durch die stürmischeren Zeiten des Lebens retten und die trägt einen auch dann ein Stück weit.
    Natürlich kann man gar nichts voraussagen, aber ich glaube, die Weichen für eine „gute Pubertät“ habt Ihr gestellt. :-)

  • Sh

    “(…) eine Periode zu bejammern und zu problematisieren, die in anderen Kulturen als freudige Begebenheit im Leben eines Kindes und seiner Familie begrüßt wird.”

    Ja, genau so ist es.
    Unser Sohn ist seit einiger Zeit im Stimmbruch, wächst nach wie vor jede Nacht unzählige Millimeter und hat wie immer seinen vollkommen eigenen Kopf mit vielen Fragen und eigenen Vorstellungen.
    Und immer wieder kommen Kommentare wie (flüsternd) „Du, mein/e (X) ist jetzt tatsächlich auch (<– kursiv) in der Pubertät (<– kursiv)" als ob die Kinder jetzt zu Monstern mutieren.
    Dabei wachsen sie einfach nur weiter.
    Und das mit dem loslassen und dem vertrauen können, das kann ich nur bestätigen.
    Wenn wir unseren Kindern nicht vertrauen können oder wollen, dann geht einfach gar nichts.
    Dabei bereichert auch dieser Lebensabschnitt alle Beteiligten und macht richtig viel Freude!

  • Irka

    Huhu

    ich finde das Buch von Remo Largo „Jugendjahre“ (wie auch die beiden davor (Babyjahre, Kinderjahre) sehr gut und lesenswert! Nur mal so. Jesper Juul schätze ich auch, fand ihn aber nicht in allem gut. Ich weiß aber nicht mehr, was damals die Kritikpunkte waren. (Wir sind da lange raus ;)
    Alles Liebe euch!

    irka

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