Vom Segnen

Vom Segnen

Ganz spontan habe ich mir das Segen-Seminar bei Giannina Wedde gebucht. Ich lese ihren Newsletter nun schon eine Weile und schleiche immer mal wieder im ihre Angebote herum. Umso größer war meine Freude, dass das Segen-Seminar nochmal „in meiner Nähe“ angeboten wurde. Dafür bin ich also an einem Freitag nach meiner Elternarbeitszeit (Vorabituraufsicht) in der Tochterschule zum Schwanberg nach Rödelsee gefahren. Auf dem Schwanberg gibt es ein geistliches Zentrum und eine Communität von Schwestern. Die Stimmung dort hat mir wirklich gut gefallen. Angebotene Kurse sind eingebettet in den Ablauf des Zentrums. Das heisst, Morgengebete, Vespern und Gottesdienste sind im Programm enthalten, aber für jeden optional. Die Schwestern sind sehr nett, die Ausstattung des Seminarzentrums einfach, schön und zweckmässig. Das mag ich ja sehr an so klösterlichen Einrichtungen. Stille, Zurückhaltung und Fokus auf das Wesentliche, dennoch immer mit Achtsamkeit und Liebe. So freute ich mich über die Wiesenblümchen bei Tisch ebenso wie die getöpferten Kerzenschalen auf dem Zimmer und in den Gemeinschaftsräumen. Die haben so eine schöne Stimmung gemacht. Bei Tisch wurde geschwiegen. Das mochte ich sehr. In Stille und Achtsamkeit essen. Das Essen war liebevoll zubereitet und wirklich gut. Die Umgebung rund um den Schwanberg läd zu Wanderungen und Spaziergängen ein, die ich in der Pause und während unserer Übungen sehr genossen habe.

Pausenskizze im Café und vor der Kirche
Tischschmuck im Speiseraum
Eingansbereich im Haus St. Michael

 

Wer segnet,
legt den Atem Gottes
wie Tau auf die
zitternden Gräser.

Giannina Wedde

Die verwandelnde Kraft lebendiger Segenspraxis

Nach einer kleinen Vorstellungsrunde stiegen wir direkt in das Thema Segen ein. Dabei gingen wir der Frage nach, was Segen überhaupt ist und welche Geschichte das Segnen hat. Die TeilnehmerInnen berichteten von ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Prägungen mit Segen. Und weil jedeR aus einem anderen (christlichen) Hintergrund kam, andere Geschichten mitbrachte und andere Erlebnisse zu berichten wusste, kamen sehr bunt gemischte Vorstellungen von Segen zusammen.

Um zu verstehen, was Segen ist und wie er wirkt begannen wir mit der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament, Genesis 1, 23-31, dem Ursegen: Der Mensch steht unter einem ersten Segen Gottes, einer Zusage der Gegenwart, Liebe und Fürsorge Gottes. Das Leben ist gut. Und als genau das lernten wir den Segen (neu) zu betrachten: Segen ist Fülle, Fliessen und Quelle.

In kleinen Übungen machten wir das Gesegnetsein erfahrbar. Segen ist eine Haltung, mit der ich durch das Leben gehe. Diese Haltung zu entwickeln war immer wieder Bestandteil der Aufgaben. Wie setze ich mich Gottes Segen aus? Wie kann ich dieses Angebundensein erfahren? Wie kann ich das Leben in seiner Ganzheit aushalten und umarmen? Wie kann ich mit einer Haltung von Fürsorge, Liebe, Zärtlichkeit, Wohlwollen und Nähren durch das Leben und die Welt gehen?

Sehr spannend fand ich, dass früher auch die schlechten Nachrichten und Unheil gesegnet wurde. Nicht im Sinne von gutheissen, sondern von Annehmen und mich dem stellen. Eine sehr schöne Sichtweise.

Natürlich sprachen wir auch darüber, welche Vorurteile und schlechten Erfahrungen im Segnen liegen. Welcher Machtmissbrauch und kritischer Beigeschmack in vielen Segensgesten passiert oder mitschwingt. Aber auch über die Sehnsucht, die hinter dem Segensthema liegt. Wir waren uns einig, dass Segen gegen Ohnmachtsgefühle stehen kann, uns handlungsfähig macht und ermächtigt. Denn jedeR kann Gottes Segen weiterreichen.

Blick ins Tal

Sich Gottes Blick und Segen aussetzen

Viele Übungen bezogen sich darauf, zu erfahren, wie es sich anfühlt sich Gottes liebenden Blick auszusetzen, eine Praxis, die das bedingungslose Gesegnetsein, Gewolltsein und Gutsein zulässt. Quasi einmal rundum Selbstfürsorge. Das muss man aber üben. Empfänglich werden und da hineinwachsen. Da tauchten tatsächlich bei einigen Widerstände auf.

Wir lernten verschiedene Arten kennen, wie wir uns mit dieser Quelle, diesem Ursegen verbinden können, z.B.:

  • Schweigegebet (liebendes Verweilen im Blick Gottes, kontemplative Praxis)
  • Herzensgebet (mit einem sorgfältig ausgewähltem Satz in beziehung gehen, mit Atemstrom vor sich hinbeten, ein Lebensgebet)
  • Mantrisches Beten (repetitives Gebet, „das Gebet in der Herzensschaukel wiegen“ <- ist das nicht ein schönes Bild?!))
  • Lectio divina (wiederholdende Bibellesung mit innerer festlicher Haltung)
  • Ruminatio („auf etwas herumkauen“, reflektieren, etwas erfahren, nicht nur glauben und wissen)

Im Alltag adressieren wir oft das Kranke, die Sorgen und Lasten, weil unser Ego, unsere gebrochene Natur, damit hadert. Aber tief in uns drinnen wohnt unser göttliches Selbst. Dieses unbelastete Ich, dieser heile Raum in uns drinnen ist von Gott bewohnt und so wie wir von Anfang an gemeint sind. Diesen gesunden und heilenden Anteil ins uns wollen wir durch Gebet und Segen stärken.

„Gesegnet ist der Mensch, der auf Gott vertraut. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und zum Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben immer grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, er hört nie auf, Früchte zu tragen.“ Jeremia 17,8

Gott wirkt in mir

Eine besonders schöne Übung möchte ich dir an dieser Stelle mitgeben. Du brauchst dafür Papier, Stift und 20 Minuten Zeit. Spüre Stück für Stück durch deinen ganzen Körper und schreibe auf, was genau es für dich bedeutet, gesegnet zu sein. Beginne mit „Gesegnet seid ihr {meine Hände}, die ihr {geben und erschaffen könnt, die ihr streicheln, liebkosen und fühlen könnt.}“ und gehe nach und nach durch deinen ganzen Körper. Den Text in Klammern ersetze durch das jeweilige Körperteil und deinen eigenen Text. Mir hat diese Übung wirklich Freude gemacht und nochmal eine ganz andere Ebene von Selbstliebe, Dankbarkeit und Staunen für die alltäglichen Dinge, denen ich selten wirklich Beachtung schenke, aufgezeigt.

Segen ist ein Kreislauf. Ich empfange ihn und spende ihn weiter. Er ist nicht an Hierarchien gebunden, das heisst, jedeR kann segnen. Segensarbeit ist, bewusst Verbindung aufzunehmen. Zu Gott, zu mir selbst, zu anderen Menschen. Wir alle sehnen uns direkt oder indirekt nach diesem bedingungslosen und urteilsfreiem Zuspruch von Wohlwollen. In der Segensarbeit können wir von unserem unversehrtem Platz aus auf das schauen, was Hilfe braucht. In uns selbst und in anderen.

In einer Partnerübung nahmen wir uns Zeit, uns gegenseitig zu segnen. Wir spürten verschiedene Segenswünsche und Segenshaltungen in ihrer Wirkung. Was kommt bei mir an? Was sende ich aus? In dieser Übung schrieb ich auch gemeinsam mit meiner Partnerin einen Segen für einen ganz speziellen Wunsch in meinem Leben. Wir konnten sagen, was wir brauchen, was uns fehlt oder was wir uns wünschen und daraus einen kleinen persönlichen Segenstext schreiben. Diese kreative, poetische Arbeit hat mir gut gefallen.

Zu guter Letzt nahmen wir noch Jesus‘ Worte mit: „Segnet die, die euch verfluchen“. Eine besonders herausfordernde Haltung, nicht?

Meditation und Gesang

Das Seminar wurde nicht nur gerahmt von den täglichen Gebeten der Schwestern, sondern auch mit angebotenen geführten Meditationen und mantrischen Gesängen von Giannina Wedde. Zum selbst Singen sind wir gar nicht gekommen, weil wir zu Wenige im Seminar waren für einen echten Klangkörper. Aber wir haben alle eine CD mit nach Hause nehmen können.

Skizze während des Gottesdienstes am Sonntag
Abendstimmung auf dem Schwanberg

Giannina Wedde

Giannina Wedde beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Segen. Sie gibt Seminare, schreibt Bücher, hält Predigen und verbindet das spirituelle Anliegen mit ihrer künstlerischen Arbeit.

Klanggebet: Newsletter, Website und Blog mit interessanten Texten, stimmungsvollen Bildern und immer wieder schönen Impulsen.
Ihr aktuelles Buch mit poetischen Texten zu Trost und Trauer: Es wächst ein Licht in deinem Fehlen* (Buch7, meine Rezension im Blog)
Das Buch über Segen, das quasi das Seminar nochmal in buchform zusammenfasst: In deiner Weite lass mich Atem holen* (Buch7)

*Affiliate Link


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Ein Gedanke zu „Vom Segnen

  1. liebe ramona, vielen dank für diese wertschätzende beschreibung, die deine erfahrung so wunderbar hindurchschimmern lässt. eine herzenschaukel, wie schön. (gestern im meditationskurs haben wir uns in der schaukel unseres atems gewiegt. ) auch das haus sieht so ansprechend aus. mir fällt immer wieder auf, wie gross meine sehnsucht nach klarheit und einfachheit ist. dein blog stillt sie immer und immer wieder. danke du segensreiche!

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