unterwegs

Wandertag :: Linde in Weyarn, Kloster und Mangfall

Gestern stand in meinem Kalender eine kleine Auszeit. Meine erste Alleinewanderung. Ich hatte in einem Wanderführer aus der Bibliothek eine Tour hier in der Gegend ausgewählt, die ich Laufen wollte. Nun war aber schon seit Tagen das Wetter verregnet. In meinem Kopf spielten die Gedanken Ping Pong. Gehe ich? Gehe ich nicht? Es war zu verlockend, gemütlich zu Hause im Trockenen zu sitzen und Kleinkram zu erledigen. Zu tun habe ich genug.

Trotz Regen auf ins Mikroabenteuer

Ich bin dann doch gegangen. In Regensachen eingepackt, mit einer kleinen Brotzeit im Gepäck, bin ich mit dem Auto zur Maxlmühle bei Weyarn gefahren, habe dort das Auto geparkt und bin mit der Wanderkarte in der Hand losgelaufen. Mein Ziel sollte zuerst die Weyarner Linde sein mit einem Schlenker zum Oppidum (spätkeltische Stadtanlage). Der Weg war unspektakulär und nass, weil es die ganze Zeit regnete. Zwar genoss ich den feinen Sprühregen im Gesicht, fragte mich zeitgleich aber, was ich eigentlich hier tue. Vom Oppidum hab ich nichts gesehen. Vielleicht ist es eingewachsen, oder ich war blind.

Gegen Mittag bekam ich Hunger und futterte noch ihm Gehen meine ganze Brotzeit auf. Gegen die Schwäche, gegen das komische Gefühl, was mit mir mitging. Ich hatte mir zum Wandern offensichtlich keinen besonders stabilen Tag ausgesucht. Mit ein paar Achtsamkeitsübungen aus meiner Werkzeugkiste, Essen und gedrosseltem Tempo ging es dann aber wieder.

Weyarner Lindl

Ich kam an der Weyarner Linde an (neben der ein Maibaum aufgerichtet war. Warum tun Bayern sowas? Maibäume aufstellen in Weiss-Blau-Rautenmuster). Der Ort war natürlich trotzdem wirklich schön, die Aussicht etwas nieseldunstig. Ich kann verstehen, dass das einmal in der Keltenzeit ein Kraftplatz gewesen sein muss. Auf diesem alten Kulthügel steht schon seit Urzeiten eine Linde. Diese hier ist bereits Nachfolgerin der Baumahnin, die diversen Unwettern zum Opfer gefallen war.

Suppe im Klostercafé

Nach einer kurzen Verschnaufpause im Regen und zwei nassen Fotos mit dem Handy, was sonst im Flugmodus in meinem Rucksack verweilte, ging es weiter zur nächsten Etappe, dem Kloster in Weyarn. Der Weg führte entlang der Strasse, unter der Autobahn und durch Siedlungen. Sogar ein Stück Jakobsweg entlang. In die Klosterkirche durfte man Covid-bedingt nicht rein. In den Gängen rund um die Kirche konnte ich mich jedoch bewegen. Ich genoss ein bisschen klösterliche Stille. Dann wollte ich weitergehen und kam am Klostercafé vorbei. Weil es offen hatte, entschied ich spontan, eine Weile zu rasten. Das Café ist wunderschön schlicht mit einem Gewölbe und angenehmer Atmosphäre. Ich gönnte mir eine Lauch-Kartoffelsuppe mit Brot (sehr köstlich!) und ein Glas Hollerschorle. Nach und nach füllte sich das Café mit anderen Gästen und es wurde zunehmend lauter. Ich zahlte mein Essen und machte mich auf den Rückweg. Den wollte ich mit einem kleinen Schlenker auf dem Jakobsweg entlang der Mangfall zurück zum Auto gehen.

Mit ein paar Irrungen und Wirrungen fand ich zur Mangfall hin. Das Flussrauschen war gut zu hören. Dort gab es einen definierten Trampelpfad, der mich zum Fluss führte. Ich war begeistert von dem klaren Wasser und der Farbe (an manchen Stellen leuchtend türkis). Wäre das Wetter schön gewesen, hätte es mir genügt, an einem der Steinstrände innezuhalten und einfach aufs Wasser zu starren. Aber wir erinnern uns: es war nass. Zwar regnete es nicht mehr, aber die Feuchtigkeit stand noch immer in den Bäumen, der Luft und den Pflanzen.

Über sieben Brücken musst du gehn

Laut meiner Karte musste es eine Brücke über den Fluss zur anderen Seite geben, wo ich auf dem ausgeschilderten Jabobsweg dann zurück zum Auto gelangen würde. Nur wusste ich im Wald nicht, an welcher Stelle ich mich befand. Ich wollte Zeit sparen und durch das Wasser waten, um zur anderen Seite zu gelangen. Der Versuch scheiterte, weil das Wasser soo kalt war, dass mir die Füße weh taten. Und der Fluss so breit, dass ich mir nicht zugetraut habe, barfuss über die glitschigen Steine durchs Wasser auf die andere Seite zu gehen. Also doch auf dem Weg entlang die Brücke finden.

An dieser Stelle meiner Wanderung schaltete ich doch mein Handy kurz ein (es hatte nur noch sehr wenig Akku), um zu Orten, wo ich überhaupt bin auf meiner Karte und wie weit es noch zur Brücke sein würde. Immerhin war ich auf dem richtigen Pfad. Ich ging also weiter. Durch üppiges Grün, begleitet vom Rauschen der Mangfall, keine Menschen treffend (wer geht bei dem Wetter schon raus?!) ging ich also weiter auf der Suche nach der Brücke. Dann, in der Ferne, durch dichtes Grün, sah ich sie! Juhu!

Als ich hinkam war sie jedoch durch eine Eisenkette und ein Schild gesperrt. Betreten Verboten. Eine alte gemauerte Steinbrücke. Sie sah nicht baufällig aus, war aber eben gesperrt. Enttäuscht wandte ich mich wieder zum Gehen. Wie sollte ich denn jetzt auf die andere Seite kommen? Ich beschloss, den Weg zurückzugehen und eben so wie ich gekommen war zum Auto zurückzulaufen. Auf dem Rückweg ging mir nicht nur der Ohrwurm „Über sieben Brücken musst du gehn“ durch den Kopf, sondern auch die Erkenntnis, dass ich ganz schön hörig bin. Ein Schild und ohne Nachdenken gehorche ich und kehre um, nehme den längeren Weg auf mich ohne in Erwägung zu ziehen, vielleicht doch verbotenerweise über die Brücke zu gehen. Da wäre sicher nichts passiert, wenn ich mit meinen 55 kg drübergelaufen wäre. Aber ich habe es nichtmal in Erwägung gezogen. Da hat jemand gesagt, ich darf das nicht, also mache ich es nicht. Diese Beobachtung habe ich in letzter Zeit oft, wenn ich mich selbst reflektiere. Sei es mit Maskentragen oder drinnen bleiben und niemanden treffen, über Brücken gehen, die gesperrt sind oder rote Ampeln. Manchmal wünsche ich mir mehr Mut und Rebellion zurück. Nicht alles hinnehmen und mich anpassen. Wieder bisschen aufmüpfig werden (aber auf die angenehme Art. Ich kenne auch viele Menschen, die unangenehm aufmüpfig sind). Das ist eine interessante Spur.

Endspurt

Der Rückweg war dann nur noch Weg. Durch die Siedlung, entlang der Strasse. Ich merkte zunehmend meine Müdigkeit und nachdem ich meinen letzten Apfel gegessen hatte, befand ich, dass ich mehr Proviant brauche als ich mitgenommen hatte. Meine Schuhe waren nass, mittlerweile auch innendrin, meine Beine taten weh. Den letzte Kilometer ging ich barfuß, um mir keine Blasen zu reiben. Nach insgesamt 17,4 km und 5 Stunden (inkl. der Pause) kam ich wieder an meinem Auto an. Ich schrieb dem Mann, dass ich in einer halben Stunde sehr hungrig und erschöpft ankommen würde.

 

Gesehen

viele große Weinbergschnecken, einen Feuersalamander, türkisfarbendes Mangfallwasser, eine Brücke, über die ich nicht gegangen bin, viel Grün und Bäume, sehr lange Wegschnecken, die fast wie Schlangen aussahen, so lang waren sie, Enten

Erkenntnisse

  • Es ist wirklich etwas anderes, sich mit einer analogen Papierkarte durch eine unbekannte Gegend zu manövrieren als einem Dotzer auf dem Handy zu folgen.
  • Meine Sinnesorgane helfen mir bei der Orientierung (Flussrauschen, Bahnlinie, Strassenlärm in der Ferne).
  • Für Zeichnungen im Skizzenbuch war es zu nass und ungemütlich. Ich habe im Café die Karte gezeichnet und später im Trockenen noch Notizen ergänzt. Das kleine Skizzenbuch soll eine Art Wandertagebuch werden mit Skizzen und Notizen.
  • Eine Freundin hat mich gefragt, was denn der Unterschied zwischen Pilgern und Wandern sei. Gute Frage! Vielleicht hast du dazu Ideen und Gedanken, die du teilen möchtest? Hier habe ich ein Interview zu der Frage gefunden.
  • Ich mag den Begriff Mikroabenteuer – kleine Auszeiten vom Alltag. Das möchte ich öfter machen. Nicht nur wandern, sondern erkunden, entdecken und staunen. Auf der Karte habe ich gesehen, dass es noch ganz viele Wege gibt, die ich gehen könnte ohne mich sehr weit von unserem Zuhause zu entfernen.

Fazit

Ich bin stolz auf mich, dass ich trotz des Regens meinen Plan durchgezogen habe und losgelaufen bin. Es hat sich eine Weile komisch angefühlt, allein durch die Gegend zu wandern, war aber insgesamt doch ganz schön. Ich hatte keine großen spirituellen Erkenntnisse, habe aber sehr das Draussensein genossen. Eine Wanderbegleitung hätte ich auch schön gefunden, fand das Alleinsein aber nicht schlimm. Das nächste mal packe ich mir mehr Essen ein. Ich habe beschlossen, die Teekassenspenden für meine Mikroabenteuer zu nutzen. Die 10 Euro für Essen und Getränk im Café habe ich also aus meiner Blogteekasse genommen. Die Wanderung war ein guter Anfang, um ein Gefühl für meinen Krafthaushalt, meine Bedürfnisse und Notwendigkeiten zu bekommen. Für eine mehrtägige Wanderung allein fühle ich mich noch nicht bereit. Aber viele kleinere Abenteuer, darauf habe ich Lust.


Hat dir der Beitrag gefallen? Wie StrassenkünstlerInnen der Hut, steht hier im Blog eine Kasse für weitere Mikroabenteuer und Seelenfreuden. Nur eben virtuell. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder ein Buch und Schokolade. Danke für die Wertschätzung <3

4 Kommentare

  • Micha

    Eine gute Idee, einfach mal allein loszugehen! So etwas kostet mich immer Überwindung. Zum einen finde ich es ganz schön, meine Umgebung genauer wahrzunehmen. Zum anderen vermisse ich dann einen Menschen, mit dem ich das teilen kann. Aber ich glaube, ich werde das auch bald ein bisschen mehr üben. :-)

    LG, Micha

  • Vera

    Danke für das Teilen Deines Wandererlebnisses, liebe Ramona!! Ich glaube mir wäre es ähnlich gegangen. Herzliche Grüße, Vera

  • Christine

    Hallo Ramona, ich finde deinen Wandertag toll und ebenso, dass du dich überwunden hast, dich einfach allein aufzumachen. Habe ich mich bisher nicht getraut, bei mir sind es gerade immer nur Spaziergänge. Deswegen habe ich Dir was in die Kaffeekasse gegeben und freue mich, wenn Du wieder mal auf Tour gehst :-)
    LG, Christine

  • andrea

    hallo, wie fein, dass du dich auf den weg gemacht hast :)
    zum unterschied ist mir spontan eingefallen, dass beim pilgern noch ein ziel bzw. zweck mehr mitläuft, nämlich der wunsch nach erkenntnisgewinn. vielleicht auch die (rück-)verbindung zu einer höheren kraft….

    den verbotenenedingegehorsam hab ich mir auch erst in den letzten jahren wieder abgewöhnt und nun (mit 50) fühle ich mich stark genug, um nach meiner moral zu entscheiden: 1. macht es sinn? 2. dient es dem leben? 3. schadet es niemandem? so ungefähr sind meine zeigerfragen. dann entscheide ich und trage das mulmige gefühl einfach wie einen kleinen rucksack mit :) gestern z.b. war ich zum ersten mal einen lost place erkunden. eine altes fdgb-ferienheim mit angeschlossener gaststätte im ddr-charme. riesige genossenbilder, fahnen, fette glasaschenbecher, alte tastentelefone, unberührte betten, altes geschirr und auch ein bisschen schund& schmutz. es war gruselig und spannend und sehr sehr lebendig. und ich habe was mitgenommen, was ich mir die tage mangels lokaler alternative bei amazon bestellt hätte. also war das universum voll an meiner seite ;) liebe grüße und frohes weitergehen

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