unterwegs

Wandertag :: Loslaufen

Nach meinem letzten Wandertag nach Weyarn, wollte ich weitergehen. Es hat eine Weile gedauert, wieder einen Termin zu finden. Ich hatte auch kein konkretes Ziel vor Augen, wusste nur, dass ich nicht in die Berge will. Das Gute liegt manchmal direkt vor der Haustür, deshalb habe ich einfach auf meiner Wanderkarte eine Richtung herausgesucht und bin losgegangen.

Aus unserem Ort heraus führte mich mein Weg vorbei an wogenden Gerstefeldern mit blühenden Kamillen. Das Wetter war windig und sonnig, etwas bewölkt. Für solches Wetter hat sich mein leichtes Tuch bewährt, was vor Sonne und Wind schützt. Ich habe es im Sommer meistens in meiner Tasche. Es hat mir schon auf Mallorca gute Dienste bewiesen, weil es eben leicht ist, gegen Klimaanlagenkühle, Wind und Sonne ausreichend Schutz bietet.

Losgehen direkt an der eigenen Haustür fühlt sich nochmal ganz anders an als mit dem Auto irgendwohin zu fahren und loszuwandern. Zuerst vertraute Strassen abzuschreiten, die ich schon von Spaziergängen oder Fahrten kenne. Den Blick zu öffnen für Details. Mir zum Teil aber auch komisch vorkommen, da mitten an einem für andere normalen Arbeitstag einfach an der Strasse langzulaufen ohne konkretes Ziel. Ein merkwürdiges Gefühl.

Und auch zu spüren, wie lange ich für eine Strecke zu Fuß brauche. Vorbei an Feldern, durch bewaldete Stücke, Orientierung auf der Karte suchend. Ich habe mein (zu) schnelles Tempo ebenso bemerkt wie das Knacken in meinen Hüften bei jedem Schritt. Beim Gehen fand ich spannend, ein bisschen mit meiner Körperhaltung zu experimentieren. Was passiert, wenn ich das Becken sanft einrolle? Ist das Knacken dann immer noch da? Wo ist mein Schwerpunkt? Meine Mitte? Was macht es, wenn ich mein Tempo verringere? Wenn ich die Schwerkraft nutze? Wie kommen meine Füße auf der Strasse auf? Was verändert sich, wenn ich mein Tempo verändere?

Erste Pause mit Blick auf Beyharting

Über Biberg und Schönau führte mich meine erste Etappe Richtung Beyharting von wo aus ich ein Stück dem Jakobsweg nach Maxlrain folgen wollte. An einer kleinen Bank mit Wegkreuz machte ich meine erste Pause. Zum Zeichnen, Verschnaufen und Essen. Von Maxlrain aus sollte mich der Weg in einer kleinen Schleife zurück nach Hause bringen. Das sah auf der Karte nicht so weit aus, ich hatte die Kilometer allerdings nicht nachgerechnet. Die Strecke nach Maxlrain führte an einer Strasse entlang. Ich entschied mich dann, einen der in der Karte eingezeichneten Wanderwege durch den Wald zu nehmen. Leider waren die nicht gut ausgeschildert, sodass ich immer wieder auf der Karte nachschauen musste, um die Orientierung nicht zu verlieren.

Durch den Wald Richtung Maxlrain

Als es zu Regnen begann, kam mir eine kleine geschützte Ecke mit Bank genau gelegen. Dort konnte ich unter einem Baum sitzend geschützt den Regen abwarten. ich nutzte die Zeit, einen Brief zu schreiben und dem Regen zu lauschen. Andere menschen sind mir kaum begegnet. Vielleicht zwei Radlfahrer, die da langfuhren. Im Wald bemerkte ich, wie mir langsam die Puste ausging. Ich war nun schon bestimmt 15 km gewandert und hatte langsam keine Lust mehr. Ich hinterfragte mein Gehen und beobachtete einen inneren Dialog zwischen „ich kenne meine Grenzen“ und „bin ich jetzt ein Weichei, wenn ich nach Hause will“ und „muss ich diese Grenzen überschreiten, um etwas zu lernen“. Was einem eben alles durch den Kopf geht.

Maxlrain habe ich übrigens nie erreicht, denn durch einen falschen Abzweig kam ich am Ende ganz woanders raus. Während ich durch den Wald wanderte und keine Lust mehr hatte, schaltete ich auch mein Handy an und kommunizierte mit der Tochter. Ich hatte mit dem Mann ausgemacht, dass ich ihn notfalls anrufen würde, damit er mich abholen kann. Weil ich die Tochter dran hatte, machte ich eben mit ihr einen Treffpunkt aus. Doch war der Punkt, von dem ich dachte, dass ich gleich rauskommen würde ein anderer als ich tatsächlich erreichte. Erst vor der Wallfahrtskirche in Weiterskirchen bemerkte ich, dass ich mich um einige Kilometer vertan hatte.

Von den Linden

Die Tochter holte mich in Weihenlinden hab. Das ist ungefähr 15 Minuten mit dem Auto von unserem Wohnort entfernt. Zu Fuß wären es nochmal fast 3 Stunden gewesen. Aber nach 18 gelaufenen Kilometern war ich schon erschöpft genug.

Während ich auf die Tochter wartete, sammelte ich Lindenblüten von den vielen Bäumen, die üppig blühten. Ich mag den Duft so gern. Jetzt trocknen sie bei mir daheim für Lindenblütentee, der beruhigend und immunstärkend wirken soll. Lindenbäume sind mir sehr viele begegnet. Es gibt hier in der Gegend eine Fahrradroute, die sich von „Baum zu Baum“ nennt. Diese Route führt zu alten Bäumen, zu denen dann jeweils ihre Geschichte geschrieben steht. Zum Beispiel eine alte Linde, die zu einer Kapelle gehört oder eine andere, die schon drei mal neu gepflanzt werden musste, weil sie immer wieder Opfer von Unwettern wurde. Oder Bäume, die sich nicht fällen lassen wollten, obwohl sie einer Strassenplanung weichen sollten. Linden gelten als Schutzbäume. Viele Christus-, Marien- und Heiligenfiguren wurden aus Lindenholz geschnitzt. So wurde es auch zum „linum sacrum“, zum heiligen Holz. Bei den Germanen verkörperte die Linde Mütterlichkeit, Barmherzigkeit und Schutz.

Gesehen

eine tote Ringelnatter, eine Königskerze, die auf einem Dach wächst, einen Bussard und einen Falken, eine tote Krähe, viele blühende Lindenbäume, Roggen-, Weizen- und Gerstfelder, tieffliegende Schwalben

Erkenntnisse

  • Nach meiner Wanderung war ich drei Tage lang erschöpft. Ein Teil in mir möchte sich nicht eingestehen, dass ich noch nicht mehr aushalte. Ein anderer Teil überdenkt das Konzept überhaupt. Dann gibt es noch eine Stimme, die stolz ist, dass ich einfach losgehe und die kleinen Abenteuer geniesst.
  • Ich gehe zu schnell. Auf so einer kurzen Auszeit habe ich noch immer das gefühl, von etwas getrieben zu sein, etwas leisten oder schaffen zu müssen. Dafür braucht es eventuell mehr Zeit, um aus dem „jetzt habe ich 5 Stunden Zeit und will zu Ziel X kommen“ hinein ins wirkliche Erleben zu gelangen.
  • Eventuell plane ich kürzere Routen und mehr Verschnaufpausen, eine Kombination aus Aktivität und Ruhe.
  • Ich möchte mehr Zeit zum Zeichnen haben. Das geht beim Wandern nicht so gut. Oder ich warte immer auf den perfekten Moment. Wo wir wieder beim Erwartungsdruck sind.
  • Ich brauche gute Wanderschuhe.

Fazit

Im Nachhinein sind diese Ausflüge ganz interessante Botschafter. Diesmal ging es mir körperlich deutlich besser als bei meiner letzten Wanderung. Manchmal hätte ich mir eine Weggefährtin an meine Seite gewünscht. Zum Reden, Austauschen und als Resonanzboden.Ich sehe gerade, dass ich das beim letzten Mal auch schon geschrieben habe. Und diesmal hat mir die Einkehr in ein schönes Café gefehlt. Ich hatte zwar genug essen dabei, aber das Ambiete einer Gaststätte zum Ausruhen mag ich schon auch gern.

Ich werde wieder losgehen, vielleicht beim nächsten Mal etwas achtsamer und langsamer. Und weniger Kilometer. Es geht hier ja nicht um Leistung.

„Gehe langsam immer weiter. Du kannst nicht stehen bleiben. Im Gehen bejahst du, dass du dich immer wandelst. Gehe deinen Weg., so wie du ihn dir vorgestellt hast. Aber sei dir auch bewusst, dass dein Weg nicht immer so glatt verläuft. Gehe langsam und verliere beim Gehen nicht deine innere Mitte, den Raum der Stille in dir. Wenn du so bewusst gehst, wird dein Gehen etwas Heiliges. Du trägst auf deinem Weg Gott in die Welt.“ Anselm Grün, Jeden Tag leben


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2 Kommentare

  • Eli

    Traumhafte Bilder! Da bekomme ich ja direkt Lust, meine Wanderstiefel anzuziehen und einfach loszulaufen. Leider muss ich noch bis zu meinem Urlaub warten, aber dann geht’s erstmal auf Wanderschaft in den Schwarzwald!

  • Eva

    Danke für den tollen Bericht und die Schilderung der „Erlebnisse mit Dir selber“. Ich finde mich da irgendwie sehr wieder.

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