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Kraft in der Krise

Eine Krise meint im ursprünglichen Wortsinn (aus dem griechischen) „trennen“, „(unter)scheiden“. Es bezeichnet eine schwierige Zeit, eine Zuspitzung, einen Wendepunkt. Somit liegt auch in einer Krise eine Chance. Steckt man mitten drin, fällt es jedoch oft schwer, diese Chance wirklich zu sehen.

Am liebsten hätten wir gern die ganze Zeit ein locker flockiges, unkompliziertes Leben. Keine Sorgen, stattdessen Freude und Leichtigkeit. Wenn es schwierig wird, dann steckt jedoch auch viel Lernpotenzial in unserem Leben. Krisen rütteln uns wach, zwingen uns oft zu notwendigen Veränderungen. Das fühlt sich nicht schön an. Es ist zäh, mühsam und unangenehm. Durch schwierige Zeiten in unserem Leben bemerken wir Dinge, die sonst in unserem Alltag verlorengehen. Dunkle Zeiten lenken uns in eine bestimmte Richtung und geben uns Gelegenheit, einmal genauer hinzuschauen. Aber wir können es überstehen und davon lernen.

Wir haben keinen Einfluss darauf, welche Erfahrungen wir machen. Aber den Umgang damit können wir beeinflussen.

Jeder Mensch hat eine andere Art, mit Krisen umzugehen. Der Umgang ist wesentlich von unserer Haltung, mit der wir durchs Leben gehen, abhängig. Deshalb ist es so wichtig, unsere Haltung zu üben, wenn es uns gut geht. Entscheidungen zu treffen und Neues zu lernen fällt uns aus der Fülle heraus leichter. In einer Krise haben wir keine Kapazitäten dafür. Wenn es dir also gerade gut geht im Leben, dann nutze die Zeit, um deine Haltung zu schulen. Ist dein Glas halb voll oder halb leer? Denkst du in Problemen oder Lösungen? Wie dankbar bist du? Wie gehst du mit Herausforderungen um?

Wenn du gerade in der Krise steckst, dann helfen dir vielleicht folgende Punkte, um gut für dich zu sorgen. Ich schreibe das immer auch ein bisschen für mich selbst auf. Als Erinnerer und Leuchtturm oder Taschenlampe. Nichts davon muss leicht oder schnell umsetzbar sein. Für dich passen vielleicht nur zwei Punkte. Und doch ist es interessant, die anderen vielleicht einmal zu betrachten oder in Erwägung zu ziehen.

Selbstmitgefühl

Sei behutsam mit dir selbst. Erlaube dir, zu trauern, zu weinen, zu wüten und die Nase voll zu haben. Verurteile dich nicht für die Krise und suche keine Schuldigen. Es ist wie es ist. Wenn es uns gelingt, die Schwere und das Dunkle anzunehmen, können wir den Weg aus der Krise schneller herausfinden. Selbstmitgefühl fällt uns oft am Schwersten. Sei dir eine gute Freundin/ein guter Freund.

Wenn du Selbstmitgefühl üben möchtest, empfehle ich dir die buddistische Metta-Meditation (Liebevolle Güte). Interessant ist es auch, sich mit dem hawaianischen Ho’oponopono Ritual zu beschäftigen. Einen interessanten Vortrag über Selbstliebe habe ich bei Johannes Hartl gehört.

Vergleiche deine Probleme auch nicht mit denen anderer, auch wenn sie vielleicht viel größer erscheinen. Du musst mit deiner Krise leben, nicht jemand anders. Du hast deine Aufgabe, jemand anders seine. Du musst damit leben und einen Umgang lernen, deshalb darfst du dir selbst auch zugestehen, dass es gerade schwer ist.

Orientierung und Überblick

Nimm dir Zeit, dir einen Überblick über dein Problem zu verschaffen. Wie groß ist das Problem? Was ist passiert und was sind mögliche Folgen? Welche Kompetenzen stehen dir zur Verfügung, um damit umzugehen? Wen kannst du um Hilfe bitten?

Mir hilft es auch, Informationen zu meinem Problem zu sammeln. Mich zu informieren und zu belesen, um die Situation einschätzen zu können. Dadurch erfahre ich auch Möglichkeiten des Umgangs und der Hilfe.

Orientierung kann auch helfen, wenn du Angst vor etwas hast. Löse deine Gedanken für einen Moment von dem, was dir Angst macht und orientiere dich im Raum. Schau dich genau um. Lass dir Zeit, alles wahrzunehmen. Wo du stehst, was du riechst, welche Geräusche du hörst, was du siehst. Dadurch entspannt sich dein Nervensystem und du kannst wieder etwas ruhiger werden.

Ein kleiner Trick kann sein: Finde/benenne 5 Dinge, die du siehst, 4 Dinge, die du hörst, 3 Dinge, die du fühlst, 2 Dinge, die du riechst und 1 Ding, das du schmeckst.

Fühlen

Wo im Körper nimmst du wahr, was dich gerade bedrückt? Beschreibe so genau wie möglich, wie es aussieht und was du wahrnimmst: Welche Form hat es? Wie groß ist es? Hat es eine Farbe, ist es hell oder dunkel? Wie ist die Konsistenz? – Das kann ein Kloß im Hals sein, ein Pfeil im Herzen, eine Hefeteigkugel in der Magengrube.

Diese Übung hilft dir, vom Kopf in den Körper zu kommen, dich zu spüren. Wir nehmen eine Beobachterposition ein und kommen dadurch aus den Emotionen heraus. Das wirkt beruhigend und ermöglicht uns, wieder mehr Abstand zu gewinnen. Es hat eine Ähnliche Wirkung, wie die Übung weiter oben mit den 5 Dingen.

Grenzen und Verantwortung

Manchmal übernehmen wir Verantwortung für ein Problem, das gar nicht unseres ist. Schaue einmal genau hin, ob es in deiner Verantwortung liegt, dich um das Chaos zu kümmern. Betrifft es wirklich dein Leben? Oder ist es sinnvoll, dich abzugrenzen und dir deiner Grenzen bewusst zu werden.

Loslassen/Freilassen

Vielleicht müssen wir auch Dinge loslassen (oder freilassen, das finde ich einen schöneren Ausdruck. Fühlt sich leichter an.) Alte, ungesunde Gewohnheiten, Glaubenssätze oder Verhaltensweisen. Vielleicht sogar Menschen oder Situationen, die uns nicht gut tun (Job, Lebenspartner, Freundschaften).

Gemeinschaft

Umgib dich mit Menschen, denen du vertraust, die dich tragen und bestärken. Jemand, der deine Kompetenz und Fähigkeiten respektiert. Es tut gut, das Herz jemandem Auszuschütten, einen anderen Blick auf die Probleme zu bekommen, sich auszutauschen oder auch einfach nur umsorgen zu lassen. Vielleicht magst du auch gern in den Arm genommen werden, in einem geschützten Raum den Tränen freien Lauf lassen oder wieder die Möglichkeit haben, mit anderen zusammen zu Lachen. Niemand muss alleine etwas durchstehen. Gemeinsam ist es leichter. Traue dich, um Hilfe zu bitten.

Bist du Mitglied einer spirituellen Gemeinschaft (Kirchgemeinde, Yogasangat etc) oder eines anderen Kreises (Handarbeiten, Sport, Musik)? Nutze diese Kontakte, um unter Menschen zu gehen und dich lebendig zu spüren.

Auftanken

Verordne dir regelmässig Pausen und die Möglichkeit, wieder aufzutanken. Laufen gehen, Fitness-Studio, ein Spaziergang, Schwimmen, meditieren, Lesen, Musik hören (oder machen)… was auch immer du brauchst, um dich wohlzufühlen. Plane bewusst Zeit für diese Kraftquellen ein. Es ist dein Rückzugsort vor deinen Problemen.

Ausdruck

Oft zeigt uns ein Problem etwas in unserem Leben, was nach Aufmerksamkeit verlangt. Schwer wird es erst durch unsere emotionalen Verstrickungen. Manchmal sehen wir klarer, wenn es uns gelingt, unsere Gefühle auszudrücken. Dafür gibt es verschiedene Wege. Finde heraus, was dein Weg ist und nutze diese kreative Kraft. Das kann Zeichnen, Singen, Malen, Tanzen, Schreiben, Reden oder vielleicht auch Töpfern sein.

Der Akt, der Vorgang des Erschaffens, führt uns in den gegenwärtigen Augenblick, wodurch wir die Probleme der Vergangenheit und die Sorgen um die Zukunft hinter uns lassen können. Brooke McAlary

Glaube

Glaubst du an eine höhere Macht, einen Gott oder wie auch immer du das für dich definierst? Glaube kann eine gute Stütze durch dunkle Zeiten sein. Es ist leichter, wenn du der Überzeugung bist, dass alles einen Sinn im Leben hat, alle Erfahrungen deinem Wachstum dienen und du nicht allein da durch musst. Was auch immer dich mit dieser Quelle verbindet, nutze es. Gebet, Rituale, Stille, Bibeltexte, Hukams, Bible Art Journaling, Meditation, Mantras Chanten, Singen, Gottesdienste (Gurdwaras etc) besuchen … das alles kann Trost und Kraft spenden. Richte deinen Fokus darauf. Wo dein Fokus ist, ist deine Kraft.

Nähren/ Selbstfürsorge

Alle vorher genannten Punkte lassen sich unter Selbstfürsorge zusammenfassen. Einen ganz wichtigen Punkt finde ich jedoch auch die rein physische Versorgung. Sei gut zu dir selbst. Achte auf regelmässige Mahlzeiten, indem du dich bekochst (oder von jemanden versorgen lässt). Sorge für ausreichend Wasser/Tee, frische Luft, Bewegung, Schlaf und Wärme.

Hilfe

Manchmal ist es auch gut, sich Hilfe zu suchen. Um Hilfe zu bitten ist kein Zeichen von Schwäche. Ein Blick von aussen, ein Beratungsgespräch, ein Coaching oder eine Therapie können dir oft schneller und wirksamer aus deinem Tief helfen. Es sind die richtigen Fragen, ein Perspektivwechsel oder eine Methode, die Linderung deiner Not verschaffen können. Scheu dich nicht, Hilfe anzunehmen.

Krisen werden dich in deinem Leben immer wieder herausfordern. Mal sind sie klein, mal groß, mal kurz und mal scheinbar endlos. Betrachte sie als eine Art Übungsfeld. Denn durch den Umgang mit unseren Lebenskrisen lernen wir viel über den Umgang mit dem „grand Finale“, der größten Krise in unserem Leben, dem Sterben.


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2 Kommentare

  • Sandra Reiling

    Liebe Ramona, ich finde, mit diesem Post, ist dir der Beste von den Fingern gehüpft, den du je geschrieben hast! Ich Stimme Dir bei all den Dingen zu!
    Meiner Meinung nach sollte es ein Schulfach „Resilienz“ geben! Wie man mit Krisen im Leben umgeht lernt einem keiner ….. dabei wäre das ganz wichtig!
    Eine Sache kam mir irgendwie zu kurz 😉 die Hoffnung! Egal um was es geht: niemals die Hoffnung verlieren. Vielleicht ändert sich das worauf man hofft mit seinem Weg aber IMMER gibt es Hoffnung!
    Ob das sterben unsere größte Krise ist . … da bin ich mir nicht so sicher …..
    Ein Wahnsinns Post! 👏👏👏
    LG Sandra

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