_Wochenende

Viertes Oktoberwochenende 2020 – Selbstfürsorge

Das Wochenende war seltsam. Momentan betrachte ich die Tage durch einen Schleiher der Schwermut und versuche den Halt nicht zu verlieren. Das ist mir am Wochenende gut gelungen. Ich habe mir einen bildschirmfreien Tag verordnet und eine kleine Liste an Dingen, die ich gern machen möchte, geschrieben. Schönes wie Notwendiges.

Am Freitag nutze ich den Vormittag, um zur Baumschule zu fahren. Ich habe etwas Geld in die Teekasse bekommen, um eine Haselnuss zu pflanzen. Ich hatte da eine bestimmte Sorte (Wunder aus Bollweiler) im Sinn, die wir beim letzten Baumschulenbesuch entdeckt haben. Leider gab es die Haselnuss nicht mehr. Die wird erst wieder im Frühjahr erhältlich sein. Dafür habe ich mir zwei weitere Sträucher von meiner Wunschliste erfüllt: eine schwarze Johannisbeere und eine Kulturheidelbeere.

Nach einer anschliessenden Einkaufsrunde im Bioladen (ich bin im Kaufrausch und decke mich mit lauter leckeren Sachen ein) habe ich mich dann um Arbeit und Mittagessen gekümmert und die Jungs von der Schule abgeholt. Der Mann ist am frühen Nachmittag zur Gongausbildung und einem Arbeitswochenende nach Aschaffenburg aufgebrochen. Er kommt erst am Montag Abend wieder.

Nachmittags übernehme ich die Trompetenstunde des Wolfs. Er kann sich nicht aufraffen, also gehe ich hin und mache Atem- und Blasübungen und spiele Weihnachtslieder. Die halbe Stunde vergeht wie im Flug. Am Abend überlasse ich die Kinder sich selbst und halte meinen Zoomcall zum Textura Onlinekurs. Die TeilnehmerInnen haben viele Fragen, sodass es ein kurzweiliger Abend wird.

Samstag

Veronika spricht mir aus dem Herzen: Aufräumen, Suppe kochen, Social Media ausschalten und das Leben feiern. So will ich es an diesem Wochenende haben. Mein Nestmodus ist eingeschaltet. Ich möchte das Haus gemütlich und warm haben. Ein Ort, wo wir gern als Familie zusammen sind und uns wohlfühlen. Ich hatte in den letzten Wochen das Gefühl, dass auch dieser Ort als solcher auseinanderfällt. Überall Häufchen, Fetzen, lose Fäden. Zeit, wieder etwas zu verweben und die Höhle für die dunklen Monate herzurichten. Ich habe mir eine Liste geschrieben mit Dingen wie „Kleiderschrank der Jungs sortieren, Betten neu beziehen, Kuchen backen…“.

Und damit verbringe ich tatsächlich fast den ganzen Samstag. Ich wasche drei Maschinen Wäsche, die trockene Wäsche falte und verräume ich. Mit dem Sterngucker sortiere ich das Kleiderregal (er ist aus fast allem rausgewachsen!) und mache Kartoffelgratin zum Mittag. Ich backe Apple Pie (leider ohne die Karamellsosse) und freue mich über die frische Gemüsekiste. Den Bücher- und Zeitschriftenkorb im Wohnzimmer räume ich auf und das Büro. Letzteres wird später von den Jungs und Nachbarsfreund als Zockhöhle für das Wochenende umgebaut. Ich habe keine Kraft, mich dagegen zu stellen. Nicht dieses Wochenende.

In der Post kommen Bienenwachskerzen für den Winter und ein Geburtstagsprojekt. Die Tochter war so nett, uns ihr Auto zu leihen. Am Ende brauchen wir es jedoch gar nicht. Ich werkele im Garten, grabe Himbeeren aus und die neue Johannisbeere und Heidelbeere ein, harke Laub und bedecke damit die abgeernteten Beete.

Nach dem bildschirmfreien Samstag lasse ich den Abend mit dem Wolf und Harry Potter ausklingen. Wir schauen uns gerade nach und nach die ganzen Filme nochmal an.

Sonntag

Wir schlafen aus, durch die geschenkte Stunde wird der Tag aber gefühlt nochmal länger. Momentan quälen mich Verspannungen, die so weit gehen, dass ich morgens mit Schmerzen in der rechten Hand aufwache oder mir die Hand einschläft. Eventuell sollte ich damit mal einen Arzt aufsuchen. Meine rechte Hand ist meine dominante Hand. Ich mache mir immer mal wieder Gedanken darüber, was ich ohne sie täte. Welchen Einfluss hätte das auf meinen Beruf? Wie flexibel bin ich, mit so einer Einschränkung dennoch zu arbeiten? Was kann ich alles ohne meine rechte Hand tun, und wie kann ich es gerade anders tun, um die Hand zu entlasten?

Der Sterngucker wird von einem Tochterfreund abgeholt und verbringt den Vormittag mit ihm und seinem Hund. Ich nutze die Zeit und schreibe Briefe. Ausserdem schaue ich mir einen Onlinekurs an. Das ist ein kostenloser Art Retreat von Laly Mille. Die Übungen setze ich im Laufe des Tages um. Es entstehen vier kleine abstrakte Landschaftsbilder in Mixed Media TEchniken. Dazu verbrauche ich Collageschnipsel und alte Zeichnungen vom Aktkurs im Frühjahr.

Das Malen macht mir richtig Spaß. Um die verbliebenen Farben auf der Pallette zu vermalen, arbeite ich an drei Bildern weiter, die ich schon vor längerer Zeit mal begonnen hatte. Auch dazu nutze ich Collageschnipsel und Schreibübungen aus vergangenen Kalligrafiekursen.

Später am Nachmittag scheuche ich die Jungs und mich nach draussen. Ich laufe eine Runde, die Jungs begleiten mich auf Inlineskates und mit dem Scooter. Der Lauf ist mühsam, die zweite Hälfte gehe ich zu Fuß. Überhaupt kommt mir alles mühsam vor. Nach dem Abendessen bringe ich den Sterngucker ins Bett, schreibe meine Wochenreflexion und die Planung für die nächsten Tage. Als Wochenerkenntnis schreibe ich auf: „Es geht mir nicht gut. Selfcare: Kunst, Sensory Awareness, Massagetermin, Yoga und ein neuer Therapietermin. Ich kann gut für mich sorgen und nehme mich ernst.“


Hat dir der Beitrag gefallen? Wie StrassenkünstlerInnen der Hut, steht hier im Blog eine Teekasse. Nur eben virtuell. Wenn du magst, kannst du mir einen Tee ausgeben. Oder Farben und Papier. Danke für die Wertschätzung <3

2 Kommentare

  • Annika

    Liebe Ramona,
    Ich bin stille Leserin seit längerer Zeit und freue mich, dass du deine Alltag teilst und bedanke mich, dass ich immer wieder Impulse für mich mitnehmen kann. Vielleicht kann ich eine Kleinigkeit zurück geben: Bei mir half ganz simpel ein neues Kopfkissen, um die nachts einschlafenden und schmerzenden Hände zu besänftigen. Irgendwas war da beim Liegen auf dem alten Kissenwohl im Nacken verklemmt.
    Herzliche Grüße

  • gesasglueck

    Liebe Ramona, magst du mal etwas über deine Wochen- und Monatsreflexion schreiben? Hast du einen Leitfaden dafür oder schreibst du, was dir in den Kopf kommt? Ich liebe das reflektierte, strukturierte Gefühl, dass aus deinen Texten mitschwingt. Aber ich habe keine Idee, wie ich das bei mir einführen soll. Meine Wochen und Monate sind her so „hell, dunkel, hell, dunkel, Jahreswechsel, hell, dunkel..“ ;-) Wahrscheinlich wird das mit zunehmenden Alter der Kinder wieder einfacher. Aber ich würde mich über Inspiration und Anleitung von dir freuen <3 alles Liebe, Gesa

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